Ärzte Zeitung online, 07.02.2017
 

Herzschwäche

Intensives Training nicht besser als moderates

Ob bei Herzschwäche ein hochintensives Intervalltraining günstiger ist als moderates Ausdauertraining, war lange eine Glaubensfrage. Eine Studie schafft jetzt Klarheit.

Ein Hintergrund von Peter Overbeck

Intensives Training nicht besser als moderates

Patient mit Herzinsuffizienz? Nicht nur dann ist körperliche Aktivität zu empfehlen.

© www.imagesource.com

Die Zeiten, als für Patienten mit Herzinsuffizienz körperliche Schonung angesagt war, sind längst passé. Heute sollte neben Medikamenten auch regelmäßige körperliche Aktivität auf dem Behandlungsplan stehen. In den Leitlinien wird dafür ein moderates kontinuierliches Ausdauertraining empfohlen.

Für diesen auch als MCT (moderate continuous training) bezeichneten Trainingsmodus liegen derzeit die meisten Studiendaten vor. Sie belegen, dass MCT körperliche Belastbarkeit, Lebensqualität, neurohumorale Aktivität und möglicherweise auch – wie Ergebnisse der HF-ACTION-Studie nahelegen – Morbidität und Mortalität verbessert.

Ergebnisse kleinerer Studien weckten allerdings bei Experten Zweifel daran, ob MCT wirklich die optimale "Dosis" für die körperliche Aktivität bei Herzinsuffizienz repräsentiert.

In einer viel diskutierten Studie aus dem Jahr 2007 hatte sich nämlich gezeigt, dass ein intensiviertes Intervalltraining im Vergleich zu MCT mit einem stärkeren Anstieg der maximalen Sauerstoffaufnahme (peak VO2) sowie Verbesserungen von kardialen Struktur- und Funktionsparametern (linksventrikuläre Volumina, Auswurffraktion) einherging (Circulation 2007; 115: 3086). Allerdings war die Studie viel zu klein, um zuverlässige Schlussfolgerungen ziehen zu können.

SMARTEX-HF enttäuscht die Erwartungen

Mit Spannung sind deshalb die Ergebnisse der weitaus größeren Trainingsstudie SMARTEX-HF erwartet worden.

Sie sind jetzt im Fachblatt "Circulation" publiziert worden – und für viele Experten wohl eine Enttäuschung. Denn eine forcierte Trainingsintensität hat sich in dieser Studie nicht ausgezahlt (Circulation 2017, online 17. Januar).

In der randomisierten kontrollierten und multizentrischen SMARTEX-HF-Studie sind 261 Patienten mit systolischer Herzinsuffizienz (linksventrikuläre Auswurffraktion <35 Prozent) drei Gruppen zugeteilt worden.

In zwei Gruppen absolvierten die Teilnehmer unter Aufsicht jeweils zwölf Wochen lang ein Bewegungstraining von unterschiedlicher Intensität, während die Teilnehmer der dritten Gruppe lediglich allgemeine Empfehlungen zur körperlichen Aktivität erhielten.

Eine der beiden Gruppen mit betreutem Training absolvierte ein aerobes hochintensives Intervalltraining (HIIT), dessen Intensität bei 90 bis 95 Prozent der zuvor mittels Ergometrie individuell bestimmten maximalen Herzfrequenz lag.

Das Training in der zweiten Gruppe erfolgte im üblichen MCT-Modus (60 bis 70 Prozent der maximalen Herzfrequenz). Auf dem Programm standen jeweils 36 Trainingseinheiten. Primäres Ziel der Studie war, günstige Effekte des verschärften Trainings auf die Herzstruktur im Sinne eines "reverse remodeling" aufzudecken.

Kein signifikanter Unterschied

Dazu wurden bei allen Patienten die linksventrikulären enddiastolischen Diameter (LVEDD) zu Beginn und nach 12 Wochen echokardiografisch bestimmt und verglichen.

Für den so definierten primären Studienendpunkt ergab sich kein signifikanter Unterschied zwischen HIIT- und MCT-Gruppe. Allerdings war das Ausmaß der LVEDD-Veränderung in der HIIT-Gruppe – nicht aber in der MCT-Gruppe – nach 12 Wochen signifikant stärker als in der dritten Gruppe, die nur allgemeine Empfehlungen erhalten hatte.

Während der "Remodeling"-Effekt in der MCT-Gruppe weitgehend den protokollierten Erwartungen entsprach, blieb er in der HIIT-Gruppe deutlich dahinter zurück.

Auch mit Blick auf die maximale Sauerstoffaufnahme unterschieden sich HIIT- und MCT-Gruppe nicht, beide Gruppen schnitten bezüglich dieses Parameters aber besser ab als die dritte Gruppe.

Doch fielen die positiven Effekte in beiden Trainingsgruppen geringer als erwartet aus. Und nach einem Jahr waren alle Unterschiede zwischen den Gruppen wieder verschwunden.

Kein "Paradigmenwechsel"

Eine mögliche Erklärung dafür, dass die erwartete Überlegenheit der HIIT nicht zum Ausdruck kam, könnte in der Tatsache liegen, dass der Unterschied in der Trainingsintensität zwischen beiden Gruppen geringer als im Studienprotokoll vorgesehen war und nur 10 Prozent statt wie geplant 27,5 Prozent betrug.

Bei der Analyse kam heraus, dass in der HIIT-Gruppe 51 Prozent der Teilnehmer unter der geforderten Zielintensität geblieben waren, während in der MCT-Gruppe 80 Prozent mehr als die geforderte Intensität an den Tag gelegt hatten.

Einen "Paradigmenwechsel" im körperlichen Training bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz wird es nach diesen Ergebnissen nicht geben. Ausdauertraining von moderater Intensität bleibt somit weiterhin das Standardmaß für die körperliche Aktivität.

[07.02.2017, 09:23:00]
Hartwig Raeder 
Eine Differenzierung ist erforderlich
Jede Herzkrankheit und viele Extrakardialkrankheiten verursachen eine Herzinsuffizienz. Sie ist definiert als zu kleines Pumpvolumen sauerstoffreichen Blutes. Man darf also nicht alle Herzinsuffizienz-Patienten über einen Kamm scheren. Zum Beispiel würde ein Ausdauertraining einen Klappenfehler wegen der Herzmuskelvergrößerung im Zweifel verschlimmern. Ebenso verschlechtern sich viele Arrhythmien durch Belastung. Bei Septumdefekten kann es durch Belastungen zur Shuntumkehr kommen. Auch hier wäre ein Ausdauertraining vielleicht sogar kontraindiziert.
Das einzige objektive Maß für die Schwere der Herzinsuffizienz ist das Herzzeitvolumen in Ruhe und bei definierter Belastung. Die kardiologischen Leitlinien verlangen die regelmäßige Bestimmung des HZV. Fast alle Kardiologen ignorieren (aus pekuniären Erwägungen?) diese Empfehlungen ihrer eigenen Fachgesellschaften. zum Beitrag »

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