Ärzte Zeitung online, 20.03.2018

Transkranielle Hirnstimulation

Besser lernen mit elektrischem Strom?

Intensives kognitives Training kann die Hirnleistung verbessern. Wird es mit transkranieller Hirnstimulation kombiniert, dann könnte sogar Schlaganfallpatienten mit Aphasie das Lernen leichter fallen.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Besser lernen dank elektrischem Strom?

Transkranielle Elektrostimulation: In einer Pilotstudie profitierten Schlaganfallpatienten mit Aphasie.

© Alamy / BSIP SA / mauritius images (Symbolbild mit Fotomodellen)

BERLIN. Immer mehr Studien belegen teilweise eindrucksvoll, dass kognitives Training die Lernfähigkeit und die Konsolidierung von Gedächtnisinhalten verbessern und nicht zuletzt dem altersabhängigen Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit entgegenwirken kann. So haben Neurowissenschaftler aus den USA Ende 2017 von den Langzeitergebnissen der vierarmigen, randomisierten ACTIVE-Studie berichtet, an der über 2800 Probanden teilgenommen hatten. In dieser Studie wurden ein Gedächtnis-Training, ein Training des logischen Denkens und ein Training der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit mit einer Kontrollgruppe verglichen.

Effektiv war vor allem das Training der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit. Es trainiert computergestützt die visuelle Wahrnehmung und die Reaktion auf visuelle Reize, wobei die Aufgaben im Verlauf immer schneller und komplexer werden. Diese Art von Training, nicht dagegen das Gedächtnistraining und das Training des logischen Denkens, ging im Vergleich zur Kontrollgruppe mit einer um statistisch signifikante 29 Prozent geringeren Inzidenz von Demenzerkrankungen einher (Alzheimers Dement 2017; 3: 603-11).

Effektive Kombi

Effektiver als das reine kognitive Training sei wahrscheinlich die Kombination aus kognitivem Training und einer transkraniellen Elektrostimulation mit anodalem Gleichstrom oder Wechselstrom, sagte Professor Agnes Flöel von der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Greifswald. Dies könne beispielsweise Patienten zugutekommen, die nach Schlaganfällen eine Aphasie entwickeln.

In einer viel beachteten, randomisierten Pilotstudie bei 26 Patienten mit chronischer Aphasie nach Schlaganfall hat Flöel die kombinierte Therapie untersucht. Sie konnte zeigen, dass ein intensives Sprachtraining mit zusätzlicher elektrischer Gleichstromstimulation des Motorcortex in insgesamt 16 anderthalbstündigen Therapiesitzungen über zwei Wochen im Vergleich zur Kontrollgruppe zu Verbesserungen sowohl bei der Benennung von Gegenständen als auch in der Alltagskommunikation führt (Brain 2016; 139:1152-63).

Multicenterstudie geplant

Damit die Kombination aus kognitivem Training und elektrischer Stimulation bald Eingang in die klinische Praxis nehmen kann, ist jetzt eine Multicenterstudie bei insgesamt 150 Patienten mit chronischer Aphasie nach Schlaganfall geplant. Ein entsprechender Finanzierungsantrag wurde bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingereicht. "Unser Ziel ist, diese Therapie damit in die Leitlinien zu bringen", so Flöel bei der 62. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) in Berlin.

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