Ärzte Zeitung online, 27.01.2014

Transfusionsmedizin

Länder wollen Schwulen Blutspende erlauben

Niedersachsen und Bremen kämpfen gegen Diskriminierung von homosexuellen Männern - und wollen ihnen das Blutspenden erlauben. Die Vorstöße kommen etwas spät: Denn die Fachwelt hat längst neue Empfehlungen erarbeitet.

Länder wollen Schwule nicht ausschließen

Vollblutspende beim Blutspendendienst: Sollen Schwule ebenfalls spenden dürfen?

© Tobias Hase / dpa

HANNOVER/BREMEN. Die niedersächsische Landesregierung soll sich dafür einsetzen, dass schwule Männer nicht mehr generell von der Blutspende ausgeschlossen werden. Einen entsprechenden Antrag der FDP-Fraktion hat der Landtag in Hannover am Freitag beschlossen (Drs. 17/1109) - dem Vernehmen nach einstimmig.

Der Entschließung zufolge soll sich die rot-grüne Regierung unter Ministerpräsident Stephan Weil im Bundesrat dafür einsetzen, "die bisher diskriminierenden Regelungen" aufzuheben.

Einen ähnlich lautenden Beschluss hatte am Mittwoch bereits die Bremische Bürgerschaft gefasst. Ebenfalls einstimmig forderte der dortige Landtag den Senat auf darauf hinzuwirken, den "Generalverdacht über homosexuelle Männer (sic!) zu beenden" (Drs. 18/1060).

Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), sind bislang grundsätzlich von der Blutspende ausgeschlossen. Laut den einschlägigen Richtlinien der Bundesärztekammer (BÄK) zur Hämotherapie gilt ein Dauerausschluss unter anderem für "Personen, deren Sexualverhalten ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten" birgt.

Neben Heterosexuellen mit "häufig wechselnden Partnern" werden hier auch MSM und Prostituierte genannt. Als Gründe für den Ausschluss nennen die Autoren der Richtlinie die vergleichsweise hohe Zahl von HIV-Neuinfektionen bei MSM im Vergleich zu Heterosexuellen.

Das Richtlinienkomitee geht von drei bis fünf Prozent MSM bezogen auf die Gesamtbevölkerung aus. Daraus ergebe sich für Schwule ein rund 100-fach höheres HIV-Infektionsrisiko. Nach den aktuellsten Zahlen des Robert Koch-Instituts stellten MSM im Jahr 2012 mit 57 Prozent den mit Abstand größten Bevölkerungsteil unter den HIV-Neudiagnosen (Epid Bull 2013; 24: 213-232).

Experten arbeiten bereits an Neuregelungen

Die BÄK verweist in ihren Erläuterungen zu den Richtlinien außerdem auf insgesamt fünf HIV-Übertragungen durch Bluttransfusionen in den Jahren 2000 bis 2008. Jeweils zwei Übertragungen gingen auf MSM und auf Personen zurück, die Sex mit Personen aus Hochprävalenzländern hatten.

Die Hämotherapie-Richtlinien wurden zuletzt 2010 geändert. Unter anderem wurden damals die Passagen zum Dauerausschluss neu gefasst, auch als Reaktion auf die damals anhaltende Kritik, homosexuelle Männer würden wegen ihrer Sexualität diskriminiert. In früheren Fassungen wurde Sex zwischen Männern im selben Atemzug mit Drogenabhängigen und Häftlingen als Grund für einen Ausschluss genannt.

Zahlreiche Blutspendendienste haben seither ihre Fragebögen abgeändert. Dort wird beispielsweise nicht mehr dezidiert nach der Sexualität gefragt, sondern nur noch, ob der Spender zu einem Personenkreis mit einem deutlich erhöhten Infektionsrisiko für HIV, HBV und HCV gehört.

Die jetzigen politischen Initiativen könnten zudem unnötig sein. Denn bereits im April 2012 hatte sich eine gemeinsame Arbeitsgruppe für eine Reform beim Umgang mit schwulen Blutspendern ausgesprochen. Nach einer ausführlichen wissenschaftlichen Bewertung kamen die Experten zu dem Schluss, künftig von einem Dauerausschluss von MSM und "Sexarbeitern" abzusehen.

Stattdessen sollen die Regelungen "in eine zeitlich befristete Zurückstellung für ein Jahr" geändert werden. Das würde bedeuten, dass MSM etwa dann Blut spenden können, wenn sie mindestens ein Jahr lang keinen Geschlechtsverkehr hatten.

Im Arbeitskreis Blut, einem gesetzlich vorgeschriebenen Sachverständigen-Ausschuss für die Transfusionsmedizin, wurden die neuen Empfehlungen im März vergangenen Jahres zwar kontrovers diskutiert aber letztlich mit 19 zu zwei Stimmen (bei einer Enthaltung) befürwortet. Der AK Blut war zuvor in die Ausarbeitung der neuen Empfehlungen mit involviert. (nös)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Parodontitis als Risikofaktor für Krebs?

Ist eine Zahnbettentzündung ein Risikofaktor für bestimmte Krebsarten? Innerhalb einer großen Gruppe Frauen in der Menopause haben Forscher deutliche Zusammenhänge gefunden. mehr »

3-D-Druck ersetzt Gips-Zahnabdrücke

Die 3-D-Technologie hat längst Einzug in die Medizin gehalten. In München gibt es eine volldigitale Kieferorthopädie-Praxis. Vom Scan bis zum 3-D-Druck des Zahnmodells läuft alles digital. mehr »

Hilfe für die Seele gefordert

Eine Krebsdiagnose ist ein Schock. Die Psychoonkologie soll helfen. Aber die Unterstützung ist wenig bekannt und unterfinanziert. mehr »