Ärzte Zeitung, 06.10.2015

Medizin

Nobelpreis für Arzneien der Armen

Mit ihrer Forschung haben die diesjährigen Medizin-Nobelpreis-Träger den Kampf gegen große Menschheitsplagen weit vorangebracht. Von den Medikamenten gegen Malaria und Filariosen profitieren Millionen von Menschen - vor allem in Entwicklungsländern.

Ein Leitartikel von Robert Bublak

Nobelpreis für Arzneien der Armen

Den Medizin-Nobelpreis erhalten in diesem Jahr: Satoshi Omura (v.l.), Youyou Tu und William Campbell.

© Preisträger: Takeshi Ogura / Jiji Press / dpa | Jin Liwang / Xinhua / dpa | Mary Schwalm / AP Photo / dpa | Medaille: Karolinska-Institut

MÜNCHEN. William Campbell, einer der drei Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin des Jahres 2015, wollte zunächst nicht an die Ehrung glauben. Sein erster Kommentar: "Das muss doch ein Witz sein."

Tatsächlich wohnt der diesjährigen Verleihung ein gewisser Witz inne. Denn laut Alfred Nobels Testament sollen mit dem Nobelpreis diejenigen ausgezeichnet werden, "die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben".

Nun ist aber der in Irland geborene und in den USA lebende Campbell Jahrgang 1930. Der Mann, mit dem er sich die eine Hälfte des Preises teilt, der Japaner Satoshi Omura, ist 1935 geboren.

Und die Frau, der die andere Hälfte des Preises zugesprochen wurde, die Chinesin Youyou Tu, feiert Ende des Jahres ihren 85. Geburtstag. Die Leistungen, derentwegen die drei geehrt werden, stammen mitnichten aus dem vergangenen Jahr. Vielmehr liegen sie rund 40 Jahre zurück.

Indessen steht außer Zweifel, dass die Arbeit der drei Forscher den geforderten Nutzen gezeitigt hat.

Campbell und Omura, die bei ihrer Arbeit mit Streptomyces-Kulturen den Wirkstoff Avermectin entdeckten, legten damit das Fundament für die Therapie einer der größten Menschheitsplagen.

Avermectin und das daraus entwickelte Ivermectin erwiesen sich als wirksame Mittel gegen Infektionen mit Fadenwürmern, die vor allem in armen Ländern zuschlagen.

Dazu gehören die Onchozerkose mit weltweit 25 Millionen Infizierten und mehr als 300.000 an der Flussblindheit Erkrankten und die lymphatische Filariose, von der 120 Millionen Menschen betroffen sind und die zu grausamen Entstellungen bis hin zur Elephantiasis führen kann.

Malaria: 3,3 Milliarden Menschen gefährdet

Noch größer wird der Nutzen für die Menschheit, zählt man die Arbeit von Youyou Tu zu Campbells und Omuras Bemühungen hinzu. Tu war es gelungen, moderne Forschungstechnik mit dem Wissen der traditionellen chinesischen Medizin zu kombinieren. Das Resultat war ein Extrakt aus dem Einjährigen Beifuß (Artemisia annua).

Tu bediente sich dabei der Kälteextraktion unter Mithilfe von Äther. Der Extrakt war im Mäuseversuch 100-prozentig tödlich für Malariaparasiten. In ihrer weiteren Forschung konnte Tu schließlich die aktive Komponente isolieren, das Artemisinin.

Artemisinin zerstört die Parasiten bereits in der Frühphase nach der Infektion der Erythrozyten. Allerdings ist auch Artemisinin nicht gegen die Entwicklung von Resistenzen gefeit. Bekannt geworden sind solche Fälle in Kambodscha, Laos, Myanmar, Thailand und Vietnam.

Der Nutzen von Tus Ergebnissen lässt sich an den Zahlen des aktuellen Malariaberichts der Weltgesundheitsorganisation WHO ablesen. Hiernach sind weltweit 3,3 Milliarden Menschen gefährdet, sich mit Malaria zu infizieren - das ist fast die Hälfte der Menschheit.

Großer Ertrag für die Menschheit

1,2 Milliarden laufen sogar hohes Risiko mit Infektionsraten von mehr als einem Fall pro 1000 Einwohner und Jahr. Für das Jahr 2013 schätzt die WHO die Zahl der mit Malaria Infizierten auf knapp 200 Millionen Menschen. Mehr als eine halbe Million starben daran.

82 Prozent der Infizierten und 90 Prozent der Toten entfallen auf Afrika, am meisten betroffen sind Kinder unter fünf Jahren und Schwangere.

Man muss dem Nobelpreisträger Campbell also bei allem Respekt widersprechen: Die Verleihung des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin des Jahres 2015 ist alles andere als ein Witz.

Vielmehr dürfte der Ertrag für die Menschheit, den die Preisträger mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit erbracht haben, nur selten bei einem Medizin-Nobelpreis größer gewesen sein.

Laut aktuellen WHO-Angaben ist die globale Zahl der Malariafälle in den Jahren 2000 bis 2013 um 30 Prozent und die Mortalitätsrate um 47 Prozent zurückgegangen. Die Artemisinin-basierte Therapie hat dazu wesentlich beigetragen.

Und Substanzen wie Ivermectin rücken ehedem illusorische Ziele in die Nähe des Machbaren: die Ausrottung der lymphatischen Filariose bis 2020 und die Eliminierung der Flussblindheit bis 2025.

Auch ein Verdienst der pharmazeutischen Industrie

Dass dies möglich ist, ist auch ein Verdienst der pharmazeutischen Industrie. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller weist aus Anlass der Nobelpreis-Ankündigung darauf hin, dass die von den Preisträgern entwickelten Medikamente von Pharmaunternehmen entweder zu Sonderkonditionen abgegeben (im Fall der Malaria) oder gespendet werden (im Fall von Flussblindheit und lymphatischer Filariose).

William Campbell hat von 1957 bis 1990 in den USA für das Merck Institute for Therapeutic Research gearbeitet und war von 1984 bis 1990 dessen wissenschaftlicher Leiter. Bei Merck & Co. war Roy Vagelos von 1986 bis 1994 Vorstandsvorsitzender.

Vagelos setzte sich schließlich erfolgreich dafür ein, das von Campbell mitentwickelte Ivermectin zur Therapie von Flussblindheit und Filariose den Regierungen und Patienten in betroffenen Ländern kostenlos verfügbar zu machen.

[08.10.2015, 17:05:49]
Rainer H. Kraus 
Nach der Eradikation der Parasiten muss die konservative Therapie der chronischen Lymphödeme folgen
Dank der Arbeiten von William C. Campbell und Satoshi Omura konnte die Lymphatische Filariasis, die häufig zur Elephantiasis führt, vielerorts eradiziert werden. Die Gefahr der Neuansteckung wurde somit drastisch verringert. Für die Menschheit bedeutet das einen schier unermesslichen Segen.

Doch die etwa 40 Mio. Menschen, bei denen sich infolge der Infektion eine Elephantiasis bzw. massive Lymphödemen im Urogenitalbereich gebildet haben, sind Invaliden und lebenslang auf die Hilfe anderer angewiesen.

Der gemeinnützige „Verein zur Förderung der Lymphoedemtherapie e.V.“ (gegr. 1999) mit Sitz in Nürnberg, hat ein Konzept zur nachhaltigen Behandlung dieser Patienten ausgearbeitet und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Referat 204 Ostafrika, in Bonn vorgelegt. Ziel der Behandlung ist die bestmögliche Wiederherstellung der Autonomie in allen Bereichen des Lebens einschließlich der Arbeitsfähigkeit.

Das Konzept wurde vom BMZ an die deutsche Botschaft in Kampala (Uganda) weitergeleitet, wo derzeit die Möglichkeit eines bilateralen Abkommens zwischen Deutschland und Uganda geprüft wird, das Voraussetzung für die Finanzierung des Projekts durch die Bundesrepublik ist.

Interessenten sende ich das Konzept gerne kostenlos zu. Kontakt: kraus@lymphverein.de.

Beste Grüße und alles Gute
rainer h. kraus zum Beitrag »

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