Ärzte Zeitung, 18.05.2016

Gravierende Spätfolgen

Ebola wütet im Gehirn weiter

Selbst wenn Ebola-Viren im Blut nicht mehr nachweisbar sind: Das Gehirn kann von dem Erreger befallen sein. Symptome zeigen sich oft erst Monate später.

Von Thomas Müller

Ebola wütet im Gehirn weiter

Viele haben Ebola nicht überlebt. Doch selbst die, die wieder gesund werden, können gravierende Spätfolgen entwickeln.

© Mohammed Elshamy/AA/ABACAPRESS.COM/dpa

VANCOUVER. Von den rund 28.000 Ebolakranken, die seit dem Ausbruch der Epidemie in Westafrika vor zwei Jahren erfasst wurden, hatten viele auch neurologische und psychiatrische Symptome, die zuvor bei Ebola nicht beschrieben worden sind. Einige Beispiele aus Liberia wurden beim Kongress der American Academy of Neurology (AAN) in Vancouver geschildert.

So gelangte ein ebolakrankes Mädchen mit schweren Halluzinationen in ein Behandlungszentrum, berichten Ärzte um Dr. Jeanne Billioux vom National Institute of Neurological Disorders in Bethesda, USA. Bei dem Mädchen ließen sich hohe Serumtiter von Ebolaviren nachweisen.

Ungewöhnlich waren die psychotischen Zustände. Das Mädchen zeigte selbstverletzendes Verhalten, zerbiss sich die Lippen und wollte sich in ein Feuer stürzen, in dem medizinische Abfälle verbrannt wurden. Die Halluzinationen hielten noch einen Monat lang an, nachdem das Virus aus dem Blut verschwunden war, erst mit der Zeit normalisierte sich ihr psychischer Zustand.

Bei einem weiteren Patienten konnten die Ärzte um Billioux ebenfalls noch ZNS-Symptome feststellen, als das Serum bereits Ebola-negativ war. Der Mann im mittleren Alter entwickelte unter der Krankheit zunächst eine schwer beherrschbare Hypertonie, später eine Aphasie und starb an den Folgen der Krankheit.

Tod nach epileptischem Anfall

Bei einer jungen Frau stellten die Ärzte sowohl Meningitissymptome wie einen steifen Nacken fest, aber auch Halluzinationen. Zudem entwickelte sie eine ausgeprägte generalisierte Schwäche, innerhalb von zwei Wochen lag sie sich wund. Auch sie überlebte die Krankheit nicht.

Eine Meningitis mit deutlichen Kernig- und Brudzinski-Zeichen (steifer hinterer Oberschenkelmuskel, Beugung der Knie bei passivem Vorbeugen des Kopfes) wurde ebenfalls bei einem Ebolakranken festgestellt. Er fiel kurz darauf ins Koma und starb. Ähnlich ging es einem Mann, der mit Halluzinationen, Agitation und seltsamem Verhalten ins Ebolazentrum kam.

Er starb an einem nicht kontrollierbaren epileptischen Anfall. Generell, so die Ärzte, scheinen neurologische Symptome mit eher schlechten Überlebenschancen einherzugehen. Mehr Glück hatte eine 19-Jährige.

Sie litt während der Ebolainfektion zwar zusätzlich unter einem generalisierten Schmerzsyndrom - die kleinste Berührung verursachte heftigsten Schmerz -, überlebte aber die Infektion.

Manchmal entwickeln sich die ZNS-Symptome mit einer deutlichen Verzögerung. Das hat ein Ärzteteam um Dr. Patrick Howlett aus Freetown in Sierra Leone berichtet (Emerging Infectious Diseases 2016; 22: 150).

Verwirrt und komatös

Sie schildern den Fall einer 30-jährigen Frau mit Ebola, deren Symptome in den ersten zwei Wochen nach Aufnahme in ein Behandlungszentrum deutlich zurückgingen. Sie konnte sich wieder unterhalten und ohne fremde Hilfe gehen. Dann wurde sie plötzlich verwirrt und komatös.

Nach einem Monat entwickelte sie linksseitig eine großflächige Polyarthritis von Schulter, Ellbogen und Knie, war zu diesem Zeitpunkt aber serumnegativ. Dagegen ließen sich Ebolaviren noch im Liquor nachweisen, auch der Urin war lange Zeit noch Ebolavirus-positiv.

In den folgenden Wochen kam die Frau langsam wieder zu sich, zeigte jedoch zwei Monate nach der Aufnahme in das Zentrum deutliche Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis, und ihr Wert beim Mini-Mental-Status-Test lag zwischen 18 und 23 Punkten.

Im kraniellen CT ließ sich eine deutliche Hirnatrophie nachweisen, sodass die Ärzte von einer ebolabedingten Enzephalitis ausgehen.

Meningoenzephalitis nach Monaten

Eine solche Gehirnentzündung kann offenbar noch lange nach einer überstandenen Ebolainfektion auftreten. So wurde bei der schottischen Krankenschwester Pauline Cafferkey neun Monate nach ihrer Rekonvaleszenz eine schwere Meningoenzephalitis diagnostiziert - mit hohen Ebolavirus-Titern in Liquor und Serum.

Allerdings scheint eine derart lang anhaltende Viruspräsenz eher die Ausnahme zu sein.

Das Team um Billioux konnte sieben Überlebende einer Ebolainfektion mit ZNS-Symptomatik zu einer Liquorpunktion überreden, bei keinem ließen sich Ebolaerreger im Liquor nachweisen.

Im Schnitt lagen hier mehr als 400 Tage zwischen der Entlassung aus der Ebolastation und der Liquorentnahme. Wenn es also ein Jahr nach der Infektion keinen Rückschlag gegeben hat, dann scheint die Infektion tatsächlich überstanden zu sein.

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