Ärzte Zeitung, 18.03.2014
 

Blasenentzündungen

"Kondome können problematisch sein"

Bei Harnwegsinfektionen brauchen betroffene Frauen nicht immer Antibiotika - auch Phytos können helfen. PD Dr. Winfried Vahlensieck von der Kurpark-Klinik Bad Nauheim gibt im Interview Tipps, wie sich häufige Blasenentzündungen behandeln und vermeiden lassen.

Das Interview führte Philipp Grätzel von Grätz

Privatdozent Dr. Winfried Vahlensieck

Nicht alle Harnwegsinfektionen über einen Kamm scheren

© Ruhl, Bad Wildungen

Aktuelle Position: Chefarzt der Fachklinik Urologie in der Kurpark-Klinik Bad Nauheim

Werdegang: Assistenzarztpositionen in München, Freiburg, Bad Neuenahr und Bonn, wo er auch promoviert hatte. 1994-1996: Oberarzt an der Urologischen Universitätsklinik München. 1996-2013: Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Abteilung Urologie Onkologie Nephrologie an der Rehabilitationsklinik Wildetal in Bad Wildungen-Reinhardshausen

Schwerpunkte: Urologische Rehabilitation und Infektiologie.

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Vahlensieck, wie ist Ihre Erfahrung im Alltag: Erwarten Patienten, die mit einer Harnwegsinfektion in Ihre Praxis kommen, in der Regel ein Antibiotikum?

PD Dr. Winfried Vahlensieck: Wir sollten nicht alle Harnwegsinfektionen über einen Kamm scheren. Bei den schweren Verlaufsformen mit Fieber, Schüttelfrost und allgemeinen Krankheitszeichen ist die Antibiotikatherapie medizinisch nötig. Das wissen auch die Patientinnen, die ja oft nicht nur einmal eine Harnwegsinfektion haben.

Es gibt aber auch milde verlaufende Blasenentzündungen, bei denen die Patientinnen oft gar nicht sofort zum Arzt gehen sondern abwarten, ob die Infektion nicht von selbst verschwindet. Mit dieser Entscheidung zeigen sie indirekt, dass sie nicht bei jeder Harnwegsinfektion die Verordnung eines Antibiotikums erwarten.

Welche Alternativen gibt es?

Vahlensieck: Es besteht die Option, Patientinnen mit unkompliziert verlaufenden Harnwegsinfektionen symptomatisch zu therapieren. Ergänzt werden kann die symptomatische Behandlung durch pflanzliche Heilmittel. Diese können mehrere pharmakologische Wirkungen entfalten, wie antiphlogistische, spasmolytische und diuretische bis hin zu antibakteriellen.

Wenn die Patientinnen gut aufgeklärt werden, macht der Arzt damit nichts falsch. Wir wissen heute, dass allenfalls ein bis zwei Prozent der unkomplizierten Harnwegsinfektionen in eine Nierenbeckenentzündung umschlagen. Es ist nicht erforderlich, jedes Mal sofort antibiotisch zu behandeln.

Wovon machen Sie die Entscheidung für die eine oder andere Therapiestrategie abhängig?

Vahlensieck: Das kommt auf die Situation und die Einstellung der Patientin an. Wenn ich jemandem gegenübersitze, der im Berufsleben schlecht ausfallen kann, dann greife ich eher zum Antibiotikum. Wenn es aber ein offenes Ohr für pflanzliche Therapien gibt und die Patientin vielleicht bis zur völligen Heilung auch ein paar Tage warten kann, dann bringe ich die Möglichkeit einer pflanzlichen Therapie ins Spiel.

Und dann gibt es noch ein paar spezielle Situationen, in denen Vorsicht geboten ist, weil die Komplikationsraten höher sind als sonst. Das sind Patienten nach Transplantation, zuckerkranke Patienten und auch Patienten mit Demenz. Hier sollte auch bei blander Symptomatik an eine schwere Harnwegsinfektion gedacht und entsprechend frühzeitig zum Antibiotikum gegriffen werden.

Welche allgemeinen Therapiemaßnahmen empfehlen Sie - unabhängig von der Pharmakotherapie?

Vahlensieck: Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist wichtig. Ich empfehle immer, so viel zu trinken, bis der Urin wasserklar oder zumindest hellgelb ist. Bei eingeschränkter Funktion von Herz oder Nieren sollte der Patient sich jedoch mit seinem behandelnden Internisten über die Trinkmenge verständigen. Bei den Hygienemaßnahmen steht das Abwischen von vorne nach hinten nach dem Wasserlassen im Vordergrund.

Was die Ernährung angeht, kann gerade bei rezidivierenden Infektionen eine beerenreiche Kost empfohlen werden. Es müssen dies nicht zwangsläufig Cranberries sein. Bei manchen Frauen ist auch die Sexualhygiene ein Thema. Bestimmte spermizide Substanzen zur Empfängnisverhütung beispielsweise erhöhen das Infektionsrisiko. Auch beschichtete Pessare oder Kondome können problematisch sein. Hier hilft es, gegebenenfalls über Alternativen nachzudenken.

Wie kommt das an, wenn sie eine Therapiestrategie mit pflanzlichen Präparaten empfehlen?

Mehr zum Thema

Pflanzliche Arzneien werden für die Forschung immer interessanter. Warum, das lesen Sie im Dossier Phytotherapie der "Ärzte Zeitung" ...

Vahlensieck: Das kommt oft gut an, wird teilweise sogar richtig dankbar aufgenommen. Gerade die Patientinnen, die wiederholt Harnwegsinfektionen haben, wollen oft gar nicht jedes Mal antibiotisch therapiert werden.

Viele sind natürlich auch über die zunehmende Resistenzproblematik informiert. Und dass Antibiotika unerwünschte Wirkungen haben können, hat sich auch herumgesprochen.

Was geben Sie den Patientinnen mit auf den Weg, um die wenigen problematischen Verläufe rechtzeitig zu erkennen?

Vahlensieck: Generell ist davon auszugehen, dass sich die Symptome bei 40 bis 70 Prozent der Betroffenen innerhalb einer Woche deutlich bessern. Ist das nicht der Fall, bitte ich die Patientin, sich noch einmal vorzustellen. Und dann ist es wichtig, über Warnsymptome aufzuklären, die auf Komplikationen hindeuten. Das sind Fieber, Schüttelfrost, Flankenschmerzen ein- oder beidseitig sowie ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl.

Tritt so etwas auf, muss die Patientin sofort wiederkommen und erhält ein Antibiotikum. Auch plötzliche Magen-Darm-Beschwerden, vor allem Übelkeit und Erbrechen, lassen mich vorsichtig werden. Das kann auf eine Nierenbeteiligung der Infektion hindeuten.

Arbeiten Sie mit Bedarfsrezepten?

Vahlensieck: Das ist bei gut informierten Patienten, die dreimal pro Jahr oder häufiger eine Harnwegsinfektion haben, durchaus eine Option, vor allem dann, wenn die Infektionen immer nach dem gleichen Schema ablaufen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Vom Sinn und Unsinn medikamentöser Arthrose-Therapien

Arthrosebeschwerden sind weit verbreitet und nur begrenzt medikamentös behandelbar. Ein Update zur Evidenzlage medikamentöser Therapien wurde nun präsentiert. mehr »

"Gelegenheits-Chirurgie ist nicht akzeptabel"

Die Risiken, direkt im Zusammenhang mit einer Op im Krankenhaus zu sterben, sind in Häusern mit geringen Fallzahlen höher als in spezialisierten Kliniken. mehr »

Diesen Effekt haben Walnüsse auf Lipide

Die Lipidsenkung durch den täglichen Verzehr von Walnüssen stellt sich offenbar unabhängig davon ein, ob man dabei auf Kohlenhydrate oder Fette oder auf beides verzichtet. mehr »