HINTERGRUND

Impfstoffe gegen Varizellen könnten künftig auch die Zoster-Prävalenz bei alten Menschen eindämmen

Von Werner Stingl Veröffentlicht:

Zehn bis 20 Prozent der Menschen erkranken in ihrem Leben an Herpes zoster als endogene Reaktivierung einer Varicella-zoster-Infektion (Windpocken), wie Professor Robert Müllegger von der Universitäts-Hautklinik in Graz berichtet hat.

Je älter Menschen sind, desto häufiger bekommen sie die Erkrankung: So beträgt die jährliche Zoster-Inzidenz bei 40- bis 49jährigen etwa 300 pro 100 000, bei über 70jährigen steigt sie auf 700/100 000 und bei den über 80jährigen sogar auf 1200/100 000. Da der Anteil alter Menschen in der Bevölkerung zunimmt, dürfte damit die Herpes-zoster-Prävalenz steigen.

Alte Menschen bekommen sehr oft eine Post-Zoster-Neuralgie

Mit dem Alter wird auch der Verlauf von Herpes zoster schwerer, so Müll-egger auf einer Veranstaltung des Unternehmens Berlin-Chemie in München. So bekommen 15 bis 20 Prozent der Patienten mit Gürtelrose eine Post-Zoster-Neuralgie, bei den über 70jährigen sind es bis zu zwei Drittel.

Warum gerade ältere Menschen ein erhöhtes Risiko haben, begründete Müllegger mit der altersbedingt sinkenden Zahl CD4-positiver T-Zellen. Die dadurch bedingte Abwehrschwäche erleichtert die endogene Reaktivierung der im Körper meist seit der Kindheit schlummernden Windpocken-Viren.

Bekommen Menschen unter 50 Jahren einen Herpes zoster, sollte dies deshalb immer als möglicher Hinweis auf eine medikamentös- oder krankheitsbedingte Abwehrschwäche gewertet und die Patienten sollten entsprechend untersucht werden, sagte Müllegger. So würden zum Beispiel viele HIV-Infizierte erstmals durch einen Herpes zoster klinisch auffällig.

Durch Impfungen könnte künftig ein Teil der Zoster-Erkrankungen verhindert werden. So wird allen Kindern in Deutschland von der Ständigen Impfkommission im Alter von 11 bis 14 Monaten die Windpocken-Impfung empfohlen.

Das abgeschwächte Impfvirus scheint im Vergleich zum Varicella-Wildvirus deutlich weniger stark zur endogenen Reaktivierung zu neigen. Zumindest aus kleinen Studien ist bekannt, daß bei geimpften Kindern der in diesem Alter sehr seltene Herpes zoster um bis zu 75 Prozent weniger auftritt als bei Ungeimpften. Inwieweit dieser Schutz bis ins Alter anhält - wenn das eigentliche Zoster-Risiko besteht -, ist angesichts der kurzen Erfahrungen mit der Impfung noch unklar.

Allerdings wird auch ein mögliches Problem der generellen Windpocken-Impfung von Kleinkindern diskutiert. Mit Impfungen wird nämlich - was man sich erhofft - die Erregerzirkulation weitgehend unterbunden. Das Zoster-Risiko für Menschen, die Windpocken gehabt haben und in denen somit das Wildvirus schlummert, könnte sich dadurch erhöhen, räumte Müllegger ein.

Aus US-Studien ist bekannt, daß kinder- und enkellose alte Menschen signifikant öfter an Herpes zoster erkranken als Altersgenossen mit vielen Nachkommen. Und Kinderärzte bekommen Herpes zoster nur etwa ein Drittel so häufig wie Gleichaltrige aus der Normalbevölkerung, bestätigte Professor Peter Wutzler vom Virologischen Institut der Universität Jena.

Offenbar frischt regelmäßiger Kontakt mit Windpocken-Viren die Abwehrkräfte von Erwachsenen auf und beugt so der Virusreaktivierung vor. Diese natürlichen Booster fallen natürlich in einer gut durchgeimpften Bevölkerung weg.

Schutz für alte Menschen vor Zoster könnte aber eine Impfung gegen das Varicella-zoster-Virus bieten. Hierfür wird ein spezieller hochdosierter Lebendimpfstoff entwickelt. Die Wirksamkeit der Vakzine wurde in einer großen Studie in den USA belegt (NEJM 352, 2005, 2271).

An dieser Doppelblindstudie hatten 38 000 Menschen im Alter über 60 Jahre mit Windpocken in der Anamnese teilgenommen. Sie waren randomisiert in zwei Gruppen aufgeteilt worden. Eine Hälfte wurde mit dem Senioren-Varicella-Zoster-Impfstoff (vom Unternehmen MSD, Zulassung in Europa beantragt), die andere Hälfte mit Placebo geimpft.

50 Prozent weniger Zoster-Kranke bei den Geimpften

In der durchschnittlich dreijährigen Nachbeobachtungszeit waren in der Verumgruppe 315 und in der Placebogruppe 642 Menschen an einem Herpes zoster erkrankt. Die Reduktion der Zoster-Rate auf weniger als die Hälfte war statistisch signifikant.

Auch die Zahl von Post-Zoster-Neuralgien wurde in der Impfgruppe um zwei Drittel reduziert. Zudem waren die Verläufe von Zoster-Erkrankungen in der Verumgruppe im Schnitt deutlich milder und komplikationsärmer als in der Placebogruppe.



STICHWORT Aus dem Springer Lexikon Medizin

Zoster

Herpes zoster ist eine akute, schmerzhafte Erkrankung durch Rezidiv eines Infekts mit dem Varicella-zoster-Virus (Windpocken).

Klinik: beginnt mit Allgemeinerscheinungen und dumpfen oder ziehenden Schmerzen im Versorgungsbereich des betroffenen Ganglions; am 3. bis 5. Tag kommt es zur typischen Hauteruption mit entzündlicher Rötung und Bläschenbildung; meist sind das Gesicht (30 Prozent im Trigeminusbereich) oder der Rumpf betroffen (typische Gürtelrose).

Komplikationen: pyogene Sekundärinfektion, Konjunktivitis, Keratinitis, Ulcus corneae, Entzündung des Sehnervs, Dissemination in innere Organe bei Abwehrschwäche.

Therapie: systemische Therapie mit Replikationshemmern wie Aciclovir, Famciclovir, Valaciclovir, lokale Therapie, Analgesie.

Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

© Matt LaVigne | iStock

Neue in-vitro-Daten

DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

© Irina Esau | Getty Images/iStockphoto

Fokus: Integrität der Haut

Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

© Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Tietz

Pilzinfektion Kopfhaut

Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Für Menschen ab 60 Jahren sind die Impfungen gegen Influenza, Corona, Pneumokokken und Herpes zoster (beide nicht im Bild) Standard-Impfungen. Für Menschen ab 75 Jahren kommt die RSV-Impfung hinzu.

© angellodeco / stock.adobe.com

Respiratorisches Synzytial Virus

STIKO: Alle Menschen ab 75 gegen RSV impfen!

Blickdiagnose: klinisches Bild mit typischen Effloreszenzen bei Herpes zoster.

© Mumemories / Getty Images / iStock

Zoster-Impfung

Schutz vor Herpes zoster und Rezidiven

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Potenzielle Schäden durch eine Influenza-Infektion an verschiedenen Organsystemen

© Springer Medizin Verlag

Impfen und Herzgesundheit

Mehr als nur Grippeschutz: Warum die Influenza-Impfung bei Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen so wichtig ist

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Frankfurt a. M.
Abb. 1: Mittlere Veränderung des DAS28-CRP bis Woche 52 gegenüber Ausgangswert (primärer Wirksamkeitsendpunkt)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Anti-TNF-Therapie

Erstes Golimumab-Biosimilar erweitert Therapiespielräume bei RA, PsA, axSpA und pJIA

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

© Oleh / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Lilly Deutschland GmbH, Bad Homburg v.d.H.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Ein Arzt in einem weißen Arztkittel spricht mit einem männlichen Patienten über die Ergebnisse der medizinischen Untersuchung und gibt anhand dieser eine Behandlungsempfehlung ab.

© Pcess609 / stock.adobe.com

Kommunikationsfehler vermeiden

Tipps: So sollten Sie mit Patienten über Risiken und Zahlen sprechen

Weltkugel mit Viren

© ImageFlow / stock.adobe.com

Review und Leitlinie

Ambulante antivirale COVID-19-Therapie: Was US-Wissenschaftler empfehlen

Das hochintensive Intervalltraining (HIIT) enthält kurze, aber maximale Belastungsphasen mit anschließender kurzer Erholungspause.

© shevtsovy / stock.adobe.com

Prävention kardiometabolischer Risiken

Wie hochintensives Intervalltraining Herz und Lungen stärkt