Ärzte Zeitung online, 04.05.2018

Aktionstag für die Compliance

Lebensretter Handhygiene

Händedesinfektion ist die wirksamste Maßnahme zur Unterbrechung von Infektionsketten. An diese Erkenntnis von Ignaz Semmelweis muss immer wieder erinnert werden, betont das RKI zum Tag der Händehygiene am 5. Mai.

Von Wolfgang Geissel

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Zur Händedesinfektion reichen wenige Sekunden.

© contrastwerkstatt - stock.adobe.

BERLIN. Dieses Jahr wäre der Frauenarzt Ignaz Semmelweis 200 Jahre alt geworden, erinnern Professor Nils-Olaf Hübner vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Universität Greifswald und Dr. Ingeborg Schwebke vom Robert Koch-Institut in einem Beitrag zum Tag der Händehygiene (Epi Bull 2018; 18: 178).

Der Gynäkologe habe vor 150 Jahren schon vor Entdeckung der ersten Bakterien erkannt, dass Wund- und Kindbettfieber übertragen werden kann. Er entwickelte damals Möglichkeiten, mit antiseptischem Chlorwasser die Übertragung zu verhindern, und belegte seine Erkenntnisse durch epidemiologische Untersuchungen.

"Semmelweis‘ Botschaft, nosokomiale Infektionen nicht als schicksalhaft zu akzeptieren, sondern zu versuchen sie zu vermeiden und dieses Vorgehen wissenschaftlich zu belegen, hat dabei nichts an Aktualität verloren", betonen die Autoren.

Von dieser Botschaft war auch Professor Didier Pittet getrieben, als er vor 25 Jahren die alkoholische Händedesinfektion weiterentwickelte. Der damalige Leiter der Abteilung für Krankenhaushygiene an den Genfer Unikliniken wurde 2017 für seine Verdienste mit dem Robert-Koch-Preis für Krankenhaushygiene ausgezeichnet.

Compliance verbesserte sich

Internationaler Tag der Händehygiene

Zur Aufklärung findet dieser Aktionstag der WHO jedes Jahr am 5. Mai statt.

Motto 2018: Es liegt in Eurer Hand – vermeidet Sepsis in der Krankenversorgung.

Infektiologen setzen sich dafür ein, statt ineffizienter Maßnahmen wie der Isolierung von Patienten verstärkt auf allgemeinen Hygiene, insbesondere Handhygiene zu setzen.

Seine Verbesserungen wirken heute noch nach. 1992 wusch man sich die Hände noch mit Wasser und Seife, was ein bis zwei Minuten in Anspruch nehmen konnte. Pittet setzte sich damals mit einem Klickzähler auf die Intensivstation.

Er kam zu dem Schluss, dass eine Intensivschwester bei der großen Zahl von Patientenkontakten nahezu die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Händewaschen beschäftigt wäre, würde sie sich streng an die Regularien halten.

Daraufhin führte er in der Genfer Klinik ein alkoholisches Desinfektionsmittel ein. Sich damit die Hände einzureiben, dauerte nur 10 bis maximal 30 Sekunden. Außerdem tötete es die Keime auf der Haut sehr viel effektiver ab als Seife.

Pittet machte die Alkohollösung allgemein verfügbar, auf allen Stationen wurden Dispenser direkt an Krankenbetten installiert. Alle Ärzte und Pflegekräfte bekamen zudem kleine Kittelflaschen und auf Postern wurde für die Desinfektion geworben. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten.

Die Compliance bei der Händehygiene verbesserte sich von 48 auf 66 Prozent – so das Ergebnis einer 2000 im Fachblatt "Lancet" veröffentlichten Studie.

Die Rate nosokomialer Infektionen sank binnen drei Jahren um mehr als 40 Prozent; bei Infektionen durch Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) betrug der Rückgang sogar mehr als 50 Prozent.

Hunderte von Menschenleben wurden auf diese Weise gerettet – und zugleich Millionensummen eingespart.

Die Compliance lässt sich aber noch weiter verbessern, betont die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) in einer Mitteilung. So wurden in einer Studie an 109 deutschen Kliniken die Maßnahmen je nach Berufsgruppe nur von 64 bis 77 Prozent und je nach Fachrichtung von 64 bis 83 Prozent durchgeführt (J Hosp Infect 2016; 92: 328).

Als Grund für Mängel der Handhygiene wurden in Untersuchungen am häufigsten Personal- und Zeitmangel angegeben, aber auch Wissenslücken zur sinnvollen Händedesinfektion oder fehlende Sicherheitskultur in Institutionen.

Von Aufklärung bis hin zur Personal- und Prozessplanung sollten wir deshalb noch sehr viel mehr zur Prävention von Infektionen in Praxen und Kliniken investieren, betont die DGI.

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