Ärzte Zeitung, 05.09.2005

HINTERGRUND

Deutschland hinkt beim Pandemie-Schutz anderen Ländern hinterher

Von Susanne Donner

Im Schnitt gibt es in jedem Jahrhundert drei Grippe-Pandemien mit einem neuartigen, bis dahin unbekannten Influenza-Virus. Die letzte Welle dieser Art forderte weltweit etwa eine Million Menschenleben. Sie liegt jedoch fast 40 Jahre zurück, und seither blieben Influenza-Pandemien aus. "Es ist nicht die Frage, ob die Pandemie kommen wird, sondern nur die Frage, wann", so Dr. Max Kaplan von der Bayerischen Landesärztekammer. Davon ist auch die Weltgesundheitsorganisation WHO überzeugt: Sie forderte bereits 1999 alle Nationen auf, sogenannte Pandemiepläne zu entwerfen, um sich für eine weltweite Epidemie zu rüsten.

In Deutschland gibt es erst seit kurzem einen Pandemieplan

Obwohl sich deutsche Experten unmittelbar nach dem Aufruf der WHO ans Werk machten, verzögerten sich die Arbeiten - hauptsächlich wegen des Zuständigkeits-Dschungels zwischen Bund und Ländern. Im Jahr 2000 konnten acht der damals 15 EU-Mitgliedsstaaten einen Pandemieplan vorweisen - in Deutschland lag zu der Zeit noch nicht einmal ein Entwurf für einen solchen Plan vor. Erst im Frühjahr dieses Jahres präsentierte das Robert-Koch-Institut (RKI) die abschließende Fassung des Papiers.

Der Plan macht unmißverständlich deutlich: Ohne Vorsorgemaßnahmen könnten bei einer Influenza-Pandemie in Deutschland zwischen 48 000 und 160 000 Menschen sterben, errechnet das RKI. Die Virus-Überwachung müsse daher dringend ausgebaut und die medizinische Infrastruktur, zum Beispiel Krankenhäuser und Arztpraxen, auf eine mögliche Grippe-Pandemie vorbereitet werden.

Kapazitäten für die Produktion einer Vakzine reichen kaum

Das Mittel der Wahl gegen eine Influenza wäre ein Impfstoff. Der kann jedoch erst mit Beginn der Pandemie produziert werden, wenn die Virus-Variante bekannt ist, die die Epidemie auslöst. Von da an dürfte es drei bis fünf Monate dauern, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht (wir berichteten). Doch selbst wenn das glückt, ist damit wenig gewonnen. "Die Produktionskapazitäten für die Vollversorgung der deutschen Bevölkerung sind derzeit nicht vorhanden", heißt es lapidar im Pandemieplan.

Gelänge es also tatsächlich, eine Vakzine zu entwickeln, könnte sie gegenwärtig gar nicht für alle hergestellt werden. "Andere Länder, etwa Norwegen und die Niederlande, haben sich längst Produktionskapazitäten bei den Impfstoffherstellern reserviert.

Der Bund muß hierzulande endlich aktiv werden und alles Entscheidende tun", fordert Bayerns Gesundheitsminister Werner Schnappauf (CSU). So könnten, wie in den USA und Kanada, Notfallkapazitäten bei den Pharma-Unternehmen erkauft werden, die gegen Geld ihre Produktionskapazitäten über die momentane Auslastung hinaus ausbauen würden.

Bis ein Impfstoff da ist, ist aber wahrscheinlich schon der Höhepunkt der Epidemie erreicht. Im ersten halben Jahr kann man sich deshalb nur auf antivirale Medikamente verlassen. Der Pandemieplan empfiehlt, für 20 Prozent der Bürger Neuraminidase-Hemmer einzulagern, da sonst im Notfall nicht rasch genug ausreichend davon produziert werden kann. Doch über diese Empfehlung hat sich Deutschland hinweggesetzt: Hier wurden im Schnitt nur für jeden zehnten Bürger Medikamente geordert. "Wir erwarten die erste Lieferung der antiviralen Medikamente Relenza® und Tamiflu® ab Anfang Dezember", so Schnappauf. Der Rest werde dann im Lauf des kommenden Jahres eintreffen.

Die meisten anderen Länder sind da schon viel weiter: Mittlerweile haben 13 EU-Mitgliedsstaaten nach eigenen Angaben einen Vorrat an antiviralen Medikamenten angelegt. Ein Großteil der Länder hat auch deutlich mehr Medikamente angefordert als Deutschland. Die Verantwortlichen müßten eines Tages den Menschen erklären, wer die Medikamente bekomme, wer leer ausgeht, und warum man zu wenig bestellt hat, so Dr. Bernhard Ruf, einer der Autoren des Pandemieplans.

Erreicht die Pandemie Deutschland, werden zunächst lokale Krankheitsherde auftreten. "Wir haben vereinbart, daß sich die Bundesländer dann gegenseitig aushelfen und der betroffenen Region Medikamente aus dem landeseigenen Vorrat zur Verfügung stellen", so der Minister.

Für Ruf und seinen Kollegen fallen die Bemühungen von Bund und Ländern, sich auf eine Pandemie vorzubereiten, dennoch verheerend aus: Die Umsetzung des Pandemieplans sei völlig unzureichend, so Ruf. Aus Kostengründen werde gespart, während die Zeit davonlaufe. (ddp)

FAZIT

Deutschland hat erst spät damit begonnen, sich auf eine mögliche Grippe-Pandemie vorzubereiten. So wurde ein Pandemie-Plan erst in diesem Jahr präsentiert - fünf Jahre nach den meisten anderen EU-Ländern. In dem Plan werden antivirale Medikamente für 20 Prozent der Bevölkerung gefordert. Deutschland will jedoch nur für zehn Prozent der Bevölkerung solche Medikamente einlagern. Engpässe könnte es auch bei der Impfstoff-Produktion geben. Im Ernstfall gibt es dafür offenbar zu wenig Kapazitäten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Nutzen Antibiotika bei Dentaleingriffen?

Patienten mit Herzklappen-Ersatz haben nach zahnärztlichen Eingriffen womöglich ein erhöhtes Risiko für infektiöse Endokarditiden. Doch wie groß ist es und schützen Antibiotika? mehr »

"Die Haltung der Kassen ist irrational"

Die Vertragsärzte kauen schwer am schwachen Ergebnis der Honorarverhandlungen für 2018. Es sei fraglich, ob der aktuelle Mechanismus auf Dauer ein geeignetes Preisfindungsinstrument sei, so KBV-Chef Dr. Andreas Gassen. mehr »

Medizin vor Ökonomie - Kodex soll Prioritäten klarmachen

Medizinische Fachgesellschaften treten gegen die Ökonomisierung der Medizin an – mit einem Kodex. mehr »