Ärzte Zeitung online, 09.02.2017
 

Über 40.000 Erkrankungsfälle

Viele Grippekranke – vor allem Kinder und Senioren

Eine starke Grippewelle sorgt in Deutschland für volle Arztpraxen und Ausbrüche in Schulen und Altenheimen. Das Robert-Koch-Institut appelliert an Ärzte, auch jetzt noch Risikopatienten zu impfen.

Viele Grippekranke – vor allem unter Schulkindern

Allein in der vergangenen Meldewoche gab es rund 14.000 bestätigte Fälle von Influenza, darunter viele bei Kindern.

© Robert Przybysz/Fotolia

BERLIN. Die Grippewelle nimmt an Fahrt auf. Allein in der vergangenen Meldewoche sind rund 14.000 bestätigte Fälle von Influenza und 32 größere Ausbrüche übermittelt worden, wie die Grippe-Expertin des Robert Koch-Instituts, Silke Buda berichtet. Beides sind bisherige Saison-Höchstwerte.

Insgesamt ist damit die Gesamtzahl der im Labor bestätigten Erkrankungsfälle seit Oktober 2016 auf 43.288 gestiegen – es werden zwar längst nicht alle Erkrankten getestet, ein Nachweis von Influenza wird aber gemeldet.

Bislang gehen 126 Todesfälle auf das Konto der Erkrankung. Fast alle Todesfälle waren Patienten ab 60 Jahren. Häufiger als diese Altersgruppe erkrankten derzeit nur Schulkinder an Grippe, so Buda.

Wie schon in der Saison 2014/15 kursiert aktuell vorrangig der Virustyp A (H3N2). Er macht insbesondere Älteren zu schaffen, die bei einer Infektion das höchste Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben.

Das RKI appelliert an Ärzte, auch jetzt noch Menschen aus Risikogruppen gegen Grippe zu impfen. „Zwar dauert es etwa zehn Tage, bis sich der Schutz aufbaut, aber bis dann ist die diesjährige Grippewelle sicher nicht zu Ende“, sagte RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher zur „Ärzte Zeitung“. Bei Verdacht auf schweren Influenza-Verlauf oder bei erkrankten Risikopatienten mit erhöhtem Risiko für einen schweren Grippe-Verlauf, sollte zudem eine antivirale Therapie erwogen werden, so das RKI.

In Risikogruppen könne zudem eine Neuraminidasehemmer-Prävention postexpositionell erwogen werden. Diese wird etwa dann empfohlen, wenn es in einem Alten- oder Pflegeheim zu einem Ausbruch kommt. Unabhängig vom Impfschutz sollten dabei sowohl medizinisches Personal als auch die Heimbewohner geschützt werden, heißt es im Ärzte-Ratgeber „Saisonale Influenza“ des RKI. Eine Prävention wird zudem empfohlen, wenn in einem Haushalt eine Person an Grippe erkrankt und so eine andere, immungeschwächte Person exponiert ist, die durch Einnahme antiviraler Arzneimittel (für zehn Tage) prophylaktisch geschützt werden kann.

Da Ausbrüche vor allem Einrichtungen treffen, wo viele Menschen zusammenkommen und sich leicht gegenseitig anstecken können – neben Schulen auch Kindertagesstätten, Alten- und Pflegeheime, Seniorentagesstätten, Krankenhäuser und Reha-Kliniken treffen, sei es wichtig und gut, wenn Bewohner und das Personal gegen Influenza geimpft seien. Im Falle eines Ausbruchs sei es dann wichtig, zum Beispiel größere Veranstaltungen auf engem Raum abzusagen und neben den Gesundheitsämtern auch Besucher zu informieren, rät Buda.

Ob Karneval Ende Februar noch Einfluss auf den weiteren Verlauf der Welle in vielen Bundesländern haben wird, ist unklar. Bislang gebe es keine Hinweise auf ein verstärktes Auftreten in den Karnevalshochburgen. Buda empfiehlt, sich generell des Ansteckungsrisikos in Menschenansammlungen bewusst zu sein und zum Beispiel mit gründlichem Händewaschen vorzusorgen.

Sinkende Zahl von Impfstoffdosen

Den jährlichen Grippewellen zum Trotz scheinen sich dennoch Impfungen nicht als Präventionsmaßnahme – gerade bei den Risikogruppen – im gewünschten Maß durchzusetzen. So müsste allein aufgrund des demografischen Wandels die Anzahl der Impfungen steigen.

Eine aktuelle Mehrjahresanalyse über die Jahre 2010 bis 2016 von QuintilesIMS ergab jedoch eine rückläufige Entwicklung. Dazu wurden die Impfstoff-Abgabezahlen in Apotheken ausgewertet. Lediglich im Jahr 2013 habe es eine leichte Zunahme gegeben, in allen anderen Jahren sei ein Rückgang an abgegebenen Impfdosen zu verzeichnen gewesen.

Zugleich legen die Zahlen nahe: Der Schwerpunkt der Influenzaimpfungen liegt in den Monaten August bis Oktober. Von der Möglichkeit, auch noch bis zum Frühjahr eine Impfung nachzuholen, wenn – wie aktuell – viele Grippeviren zirkulieren, werde offensichtlich wenig Gebrauch gemacht, folgert QuintilesIMS. (dpa/run/eis)

[11.02.2017, 10:52:00]
Wolfgang P. Bayerl 
Frau Harnack,
die Kältewelle spielt ganz sicher für Ältere und Kranke eine Rolle, weswegen ich die hohe Zahl der "Grippetoten" im Winter immer für etwas übertrieben halte, man findet sie dann auch in der offiziellen Todesfallstatistik in der behaupteten Zahl nicht wieder.
Der Winter hat immer schon statistisch eine unbestreitbare und deutliche "Übersterblichkeit" gegenüber dem Sommer, das gilt auch für Spanen!
Auch wenn ich in der Freizeit (im Urlaub) auch Schnee liebe, hätte ich es in Deutschland persönlich lieber etwas wärmer als kälter und bin tief enttäuscht über die nun schon jahrzehntelangen falschen Versprechungen der Grünen, es würde wärmer.
Das spricht aber keinesfalls gegen eine Grippeimpfung. zum Beitrag »
[10.02.2017, 11:24:27]
Helmtrud Harnack 
Über 40.000 Erkrankungsfälle, Viele Grippekranke, vor allem Kinder und Senioren
Der derzeitige Grippeimpfstoff enthält laut RKI einen neuen aggressiven Virusstamm der derzeitigen Influenzawelle nicht. Kommt eventuell daher die große Erkrankungszahl von insgesamt über 40.000 Fällen und dass 14.000 Fälle in der vergangenen Meldewoche bestätigt wurden? Spielt nicht auch die große Kältewelle eine Rolle für den Anstieg der Influenzafälle gegenüber z.B. dem letzten milden Winter, nicht nur die Zahl der Geimpften? Eine konkrete offizielle Antwort wäre insgesamt hilfreich. zum Beitrag »

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