Ärzte Zeitung, 09.09.2016

Neuroborreliose

Wie stehen die Chancen auf Heilung?

Patienten mit Neuroborreliose haben meist weniger Komplikationen als vor Jahrzehnten - offenbar wird die Diagnose inzwischen deutlich früher gestellt. Doch bei einigen Patienten sind die Heilungschancen immer noch schlecht.

Von Thomas Müller

Wie stehen die Chancen auf Heilung?

Zecke: Ihr Stich kann bekanntlich zu Komplikationen führen.

© Carsten Stolze / fotolia.com

Neu-Isenburg. Als der deutsche Neurologe Alfred Bannwarth im Jahre 1941 ein später nach ihm benanntes Syndrom mit "Chronisch lymphocytärer Meningitis", entzündlicher Polyneuritis und "Rheumatismus" in einer 92-seitigen Abhandlung beschrieb, konnte er über die Ursachen dieser verwirrenden Symptomkombination nur spekulieren und die Patienten allenfalls mit Quecksilber-Schmierkuren, Lichtbogen oder Wärmebehandlungen traktieren.

Seinen Ausführungen zufolge sollen diese Therapien immerhin kurzfristig geholfen haben (Archiv f. Psychiatrie 1941; 113: 284).

Inzwischen hat sowohl die Diagnostik als auch die Behandlung bei Patienten mit Bannwarth-Syndrom große Fortschritte gemacht. Nach Angaben slowenischer Forscher lassen sich rund 90 Prozent der Betroffenen durch eine zwei- bis dreiwöchige Antibiose weitgehend oder komplett von ihren Beschwerden befreien.

Auch sind die Symptome offenbar nicht mehr so ausgeprägt wie zu Bannwarths Zeiten. Dies deute darauf, dass Ärzte heute oft die richtigen Schlüsse zögen, wenn sie auf Patienten mit unerklärbaren radikulären Schmerzen treffen, berichten Infektiologen um Dr. Katarina Ogrinc von der Universität in Ljubljana (Clin Infect Dis. 2016; 63: 346).

Therapieerfolg bei fast 90 Prozent

Die Ärzte haben über eine Verlaufsstudie untersucht, wie sich eine Neuroborreliose äußert und wie gut die Therapie anschlägt. Damit wollten sie auch herausfinden, welche Faktoren für einen ungünstigen Verlauf sprechen.

Das Team um Ogrinc konnte im Laufe von acht Jahren 77 Patienten mit Bannwarth-Syndrom untersuchen. Alle waren mit Verdacht auf eine Neuroborreliose in der Lyme-Borreliose-Ambulanz der Klinik vorstellig geworden. Bei allen konnte eine Liquor-Pleozytose neben einer Radikuloneuritis nachgewiesen werden.

Die Patienten füllten einen ausführlichen Anamnesebogen zu Symptomen, Symptombeginn, eventuellen Zeckenstichen sowie einem Erythema migrans aus. Alle unterzogen sich einer zwei- bis dreiwöchigen Therapie mit Ceftriaxon oder Doxycyclin.

Drei Monate nach der Therapie wurde der Liquor erneut untersucht. Den Therapieerfolg überprüften die Ärzte sowohl nach sechs als auch nach zwölf Monaten.

Wie sich zeigte, war die Hälfte der Betroffenen Frauen - früher hatte der Männeranteil überwogen. Das Alter lag im Schnitt bei 58 Jahren, die meisten konnten sich an Zeckenstiche im vergangenen Jahr erinnern, immerhin 60 Prozent berichteten über ein Erythema migrans und bei der Hälfte von ihnen war dieses bei der Untersuchung noch präsent.

Die radikulären Schmerzen waren bei 72 Prozent der Patienten mit der Erythema-migrans-Lokalisation kongruent, 75 Prozent klagten zudem über Schlafprobleme, knapp die Hälfte über Kopfschmerzen, 44 Prozent über Fatigue und 39 Prozent über ein Krankheitsgefühl. Parästhesien traten bei einem Drittel auf, periphere Fazialisparesen bei 36 Prozent, Lähmungen bei 8 Prozent.

Die Liquoruntersuchung ergab neben der Pleozytose bei 81 Prozent auch eine erhöhte Proteinkonzentration. IgG- und IgM-Antikörper gegen Borrelia burgdorferi sensu lato konnten die Ärzte jeweils bei 89 und 63 Prozent im Liquor feststellen, bei 9 Prozent weder die einen noch die anderen. Im Serum fanden die Ärzte bei 96 Prozent IgG gegen Borrelien.

Erreger ist oft Borrelia garnii

Die Erreger ließen sich aus dem Erythembereich von 41 Prozent der Patienten isolieren, aber nur bei 16 Prozent aus dem Liquor und bei 3 Prozent aus dem Blut. Aus der Haut wurde zumeist Borrelia garnii kultiviert.

14 Tage nach Beginn der Antibiose waren die Symptome bei 88 Prozent der Patienten fast oder komplett verschwunden. 20 Betroffene erhielten aufgrund einer anhaltenden Liquor-Pleozytose und/oder Beschwerden eine erneute Antibiose, neun (12 Prozent) hatten langfristig Beschwerden.

Diese Patienten hatten zunächst kaum auf die Antibiose angesprochen, acht davon waren Frauen.

Im Schnitt wurde eine Neuroborreliose 30 Tage nach Beginn der neurologischen Symptome diagnostiziert. Mit Blick auf die oft sehr starken Schmerzen und Beeinträchtigungen sei dies immer noch viel zu spät, aber doch wesentlich früher als in Untersuchungen aus dem vergangenen Jahrhundert, schreiben die slowenischen Ärzte.

Auch sei eine periphere Fazialisparese nur noch halb so oft beobachtet worden wie in früheren Untersuchungen, ausgeprägte Lähmungen traten sogar zu 80 Prozent seltener auf. Dies spreche dafür, dass schwerwiegende Komplikationen dank der etwas früheren Diagnose inzwischen relativ selten sind.

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