Ärzte Zeitung online, 16.05.2012

Führt Oralsex zu Mundtumoren?

Viele Mundtumoren weisen humane Papillomaviren auf. Experten rätseln: Werden sie über Oralsex übertragen? Im Video-Interview spricht HNO-Experte Klußmann über Übertragungswege und Möglichkeiten der Prävention.

MAINZ (chh). In den letzten Jahren hat sich in der HNO-Heilkunde die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht allein Alkohol und Tabak die Hauptursachen für das Auftreten bösartiger Tumoren im Kopf-Hals-Bereich sind.

So konnten Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Tumoren im Mundbereich humane Papillomaviren (HPV) aufweisen. Dabei variiert die Datenlagen.

Während in den USA Studien 60% der Karzinome im Bereich des Oropharynx als HPV-assoziiert angeben, liegen die Zahlen in Skandinavien bei 90% der Gaumenmandelkarzinome, wie Professor Jens P. Klußmann im Video-Interview sagte.

In Deutschland seien hingen rund 30% der Mundrachenkarzinome HPV-positiv, meist für den Virustyp 16. Insgesamt erkranken in Deutschland jährlich über 18.000 Menschen an Kopf-Hals-Tumoren, die damit an vierter Stelle der Krebserkrankungen bei Männern rangieren, wie die Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde mitteilt.

Sexuelle Risikofaktoren wahrscheinlich

Ähnlich wie für den Gebärmutterhalskrebs gehen Forscher auch bei HPV-assoziierten Tumoren im Mundbereich von sexuellen Risikofaktoren aus.

"Es gibt erste Daten, die zeigen, dass wahrscheinlich auch sexuelle Risikofaktoren für die Infektion im Mundbereich eine Rolle spielen", sagte Klußmann, Direktor der Uniklinik für HNO-Heilkunde in Gießen.

In Vergleichsstudien hätten Patienten mit einem HPV-assoziierten Tumor im Mundraum eine höhere Zahl von Sexualpartnern sowie eine höhere Rate oraler Sexpraktiken angegeben als Krebskranke ohne die Virusinfektion.

Präventive Schlüsse zieht Klußmann aus dieser Erkenntnis allerdings nicht. Zwischen Infektion und einer Krebserkrankung vergingen viele Jahre, und nur ein Bruchteil der infizierten Patienten entwickelte letztendlich einen bösartigen Tumor.

Außerdem habe ein Großteil der Bevölkerung im Laufe des Lebens Kontakt mit HPV, würde den Virus aber wieder los.

Erst wenn der Virusbefall in eine persistierende Infektion übergeht und möglicherweise noch Kofaktoren wie zum Beispiel Rauchen dazukommen, ginge die Forschung von der Entstehung eines bösartigen Tumors aus.

HPV-Impfung auch für Jungen?

Möglichkeiten zur Prävention HPV-positiver Tumoren im Kopf-Hals-Bereich sieht Klußmann dennoch.

Die prophylaktische Wirkung einer HPV-Impfung, wie sie zur Vermeidung von Zervixkarzinomen eingesetzt wird, dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit auch vor HPV-positiven Tumoren im Mundraum schützen.

Bewiesen sei das aber nicht. Außerdem müssten dann auch Jungen geimpft werden. Schließlich seien Männer häufiger von Mundtumoren betroffen.

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