Ärzte Zeitung online, 08.05.2017

Nebenwirkungen der Chemotherapie

Bei neuropathischen Schmerzen sofort reagieren!

Bei welchen Chemotherapeutika können neurotoxische Nebenwirkungen auftreten? Wie lassen sie sich diagnostizieren und wie behandeln? Eine Neurologin gibt Ratschläge.

Von Elke Oberhofer

Bei neuropathischen Schmerzen sofort reagieren!

Nach beendeter Chemo gehen neuropathische Schmerzen in der Regel langsam zurück.

© Mathias Ernert, NCT, Heidelberg

MÜNCHEN. Eine chemotherapieinduzierte Polyneuropathie (CIPN) kann durch zahlreiche Tumortherapeutika ausgelöst werden und bedarf einer möglichst frühzeitigen Erfassung. "Nur dann kann man noch gute Therapieentscheidungen treffen", betonte Dr. Susanne Koeppen, Neurologin am Universitätsklinikum Essen beim ASORS-Jahreskongress in München. Insbesonders neuropathische Schmerzen seien "immer ein Grund, die Chemotherapie zu modifizieren". Die S3-Leitlinie empfiehlt, vor Einleitung einer potenziell neurotoxischen Therapie den neurologischen Status zu erheben.

Zu den Substanzen mit der höchsten Neurotoxizität gehören nach Angaben von Koeppen vor allem Bortezomib, Platinderivate, Taxane, Vincaalkaloide und Eribulin. Entscheidend sei die Dosis. Koeppen stellte Grenzwerte vor, ab denen mit einer erhöhten Neurotoxizität zu rechnen sei: Diese liegen zum Beispiel für Bortezomib bei einer kumulativen Dosis von > 26 mg/m2, für Docetaxel > 100 mg/m2, für Oxaliplatin > 550 mg/m2. Für Vincristin besteht bereits ab einer kumulativen Dosis von 4–10 mg/m2 erhöhte Gefahr; hier kann außerdem bereits eine Einzeldosis von > 2 mg toxisch wirken.

Im Allgemeinen gehen laut Koeppen die Beschwerden nach beendeter Chemo langsam zurück. Es gebe jedoch Ausnahmen: Vor allem bei Platinderivaten, aber auch bei Vincaalkaloiden müsse man damit rechnen, dass die Neurotoxizität noch bis zu drei Monaten anhalte; dieses Phänomen wird als "Coasting" bezeichnet.

Zur Anamnese gehört vor allem die Frage nach Schmerzqualität und situativer Gebundenheit. Unter den verfügbaren Diagnostikinstrumenten erachtet die Referentin lediglich zwei als relevant: den Reflexhammer und die Stimmgabel zur Messung der Vibrationsempfindlichkeit. Darüber hinaus kann eine Elektroneurografie Auskunft geben, ob eine Large-Fiber-Neuropathie vorliegt. Auch subklinische Läsionen lassen sich damit erfassen. Eine gute Entscheidungshilfe sind Koeppen zufolge Neurotoxizitätsskalen, allen voran der "Total Neuropathy Score", der sich durch gute Anwendbarkeit auszeichne.

Bei der Behandlung hat sich der Essener Neurologin zufolge vor allem Duloxetin bewährt. Hiervon profitieren in erster Linie Patienten, die mit Oxaliplatin, oder auch Taxanen behandelt werden. Ferner könne man Gabapentin evidenz- und Pregabalin konsensbasiert einsetzen. Als weitere Option nannte die Expertin die lokale Applikation einer Mischung aus Baclofen, Amitriptylin und Ketamin. Diese habe in einer doppelblinden placebokontrollierten Studie gute Ergebnisse erzielt.

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