Ärzte Zeitung online, 13.06.2017

Verräterische Gene

Wie Tumorzellen selbst Alarm schlagen

Forscher haben entdeckt, dass epigenetisch wirkende Medikamente bisher ungeahntes Potenzial haben: Die Wirkstoffe bringen Krebszellen dazu, das Immunsystem auf sich zu lenken. Jetzt forschen sie daran, "das totale Chaos in den Tumorzellen" auszunutzen.

Wie Tumorzellen selbst Alarm schlagen

3D-Darstellung der DNA: Eventuell haben Forscher einen Weg gefunden, durch Tumorzellen das Immunsystem anzuregen.

© Forance / stock.adobe.com

HEIDELBERG. Arzneimittel, die in Tumorzellen genetische Veränderungen rückgängig machen, könnten noch wirkungsvoller sein, als bisher gedacht: Möglicherweise aktivieren sie ruhende Genabschnitte, wodurch eine Tumorzelle das Immunsystem selbst auf sich aufmerksam macht. Dies fanden Forscher am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg in Kooperation mit US-amerikanischen Kollegen heraus.

Die Medikamente schützen in erster Linie Zellen vor bösartigen Veränderungen, indem sie Tumorsuppressorgene aktivieren beziehungsweise reparieren. Tumorsuppressorgene sind Gene, die die unkontrollierte Teilung beschädigter Zellen verhindern.

Alarm durch unbekannte Eiweiße

Die Wissenschaftler entdeckten jedoch, dass diese Arzneien durch ihre epigenetischen Reparaturen noch einen weiteren Effekt haben: Dadurch werden versteckte regulatorische Abschnitte in den Genen aktiviert, die neue Eiweißschnipsel bilden. Diese für den Körper fremden Proteine erkennt das Immunsystem. Dadurch kann es möglicherweise Tumorzellen besser erkennen, da die Immunantwort angekurbelt werden könnte.

Die entartete Zelle enttarnt sich quasi selbst: "Das ist das totale Chaos in den behandelten Tumorzellen – damit hatten wir nicht gerechnet", so David Brooks, einer der Erstautoren der Studie. Die Forscher erkannten ebenfalls, dass die epigenetisch reaktivierten Genabschnitte von Viren abstammen. Diese bauten ihre DNA vor Urzeiten in das menschliche Genom ein. Im Laufe der Evolution wurden diese Abschnitte jedoch stillgelegt.

Effekt für Therapie nutzbar?

Bisher gingen diese Medikamente unspezifisch in den regulatorischen Abschnitten des Erbguts vor. "Die Wirkstoffe gehen wie ein Rasenmäher über die DNA und entfernen praktisch alle Markierungen", sagt Prof. Christoph Plass, Leiter der Epigenetik am DKFZ. Die Wissenschaftler wollen nun klären, inwieweit dieser bisher beiläufige Wirkmechanismus von Krebsmedikamenten aktiv genutzt werden kann. Weiterhin sei es "denkbar, dass sich diese Genabschnitte als Biomarker eignen, um zu prüfen, ob eine epigenetische Therapie beim individuellen Patienten wirkt und sinnvoll ist", so Plass weiter. (ajo)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Der kleine Unterschied ist größer als gedacht

Krankheiten verlaufen bei Männern und Frauen unterschiedlich, das ist bekannt. Die Gendermedizin deckt immer mehr die geschlechtsspezifischen Besonderheiten auf. mehr »

Neue Leitlinie stärkt medikamentöse ADHS-Therapie

In den neuen S3-Leitlinien zu ADHS wird die medikamentöse Therapie bei mittelschweren Symptomen gestärkt. Experten betonen aber, dass die Arzneien nur ein Teil eines umfassenden Therapiekonzepts sein dürfen. mehr »

Prä-Op-Labor - Kein Einfluss auf den Bonus

Mit der Laborreform hat sich der Blick verstärkt auf das Prä-Op-Labor gerichtet. Das soll nicht auf die Laborkosten angerechnet werden. mehr »