Ärzte Zeitung online, 12.12.2017

Onkologie

Ruf nach Strategien gegen die Stigmatisierung Krebskranker

Wer an Krebs erkrankt, muss sich auch mit der damit verbundenen Stigmatisierung auseinandersetzen. Forscher raten zu gezielten Gegenstrategien.

Von Dagmar Kraus

Ruf nach Strategien gegen die Stigmatisierung Krebskranker

Frauen mit Brustkrebs empfinden besonders starke Einschränkungen ihrer Lebensqualität aufrund der Erkrankung.

© KatarzynaBialasiewicz / Getty Images / iStock (Symbolbild)

LEIPZIG. Welche Erfahrungen machen Krebskranke mit Stigmatisierung und deren sozialen und beruflichen Folgen? Das haben Forscher um den Soziologen Dr. Jochen Ernst von der Universität Leipzig in einer Studie mit 858 Krebspatienten untersucht (BMC Cancer 2017; 17: 741). Die Patienten hatten Lungen-, Prostata-, Mamma- oder Kolonkarzinom und waren in den Krebsregistern von Leipzig oder Dresden gelistet.

Das Ausmaß der von den Patienten empfundenen Stigmatisierung beurteilten die Forscher mit der Social-Impact-Skala. Zudem ermittelten sie die Lebensqualität mit einem Fragebogen der European Organization for Research and Treatment of Cancer (EORTC). Bewertet wurden dabei die Bereiche kognitive, soziale, emotionale, rollenspezifische und physische Funktionsfähigkeit.

Ergebnis: Die Probanden stuften ihren Grad der Stigmatisierung im Schnitt als "gering" oder "mittel" ein. Die wenigsten Punkte gab es in den Bereichen "soziale Zurückweisung" und "internalisiertes Schamgefühl", die meisten Punkte bei "soziale Isolation" und "finanzielle Unsicherheit".

Männer mit Prostatakarzinom empfanden sich am wenigsten sozial beeinträchtigt. Sie fühlten sich vor allem bei "soziale Zurückweisung", "Isolation", "finanzielle Unsicherheit" und "internalisiertes Schamgefühl" weniger beeinträchtigt als Patienten mit anderen Krebsformen.

Insgesamt konnten die Leipziger Forscher bei der Stigmatisierung einen geschlechtsbezogenen Effekt weitgehend ausschließen. Lediglich beim Aspekt "finanzielle Unsicherheit" gaben Männer im Schnitt einen höheren Leidensdruck an.

Jegliche Form von Stigmatisierung wirkte sich dabei negativ auf die Lebensqualität aus. Dies war bei Frauen mit Brustkrebs besonders ausgeprägt. Sie gaben Einbußen in allen fünf ermittelten Bereichen der Lebensqualität an. Bei Darmkrebs-Patienten ergaben sich signifikante Effekte nur in den Bereichen soziale, rollenspezifische emotionale Funktionsfähigkeit. Prostatakarzinompatienten fühlten sich in den Bereichen physische, rollenspezifische und soziale Funktionsfähigkeit beeinträchtigt, Lungenkarzinompatienten ausschließlich in der emotionalen Funktionsfähigkeit.

Fazit: Stigmatisierung beeinträchtigt die Lebensqualität Krebskranker beträchtlich, und zwar in vielen Bereichen, betonen die Forscher. Mit Gegenstrategien ließen sich wahrscheinlich dauerhafte psychologische und psychosoziale Probleme vermeiden. Das erfordere auf die Tumorentität ausgerichtete Maßnahmen. Bei Patienten mit Lungenkrebs empfehlen die Forscher, zum Beispiel Kampagnen gegen Stigmatisierung, bei Frauen mit Brustkrebs eher individuelle Therapieangebote, die auf die negativen Folgen der Stigmatisierung abzielen.

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