Ärzte Zeitung online, 01.03.2017
 

Befragung

Nur zwei von 100 Patienten nutzen psychoonkologische Angebote

Jeder dritte Darmkrebspatient ist psychosozial belastet. Doch nur die wenigsten nutzen vorhandene Therapieangebote.

Von Thomas Meissner

Eine Krebsdiagnose ist psychisch belastend und wirkt sich oft negativ auf das berufliche und Sozialleben aus. Dass etwa ein künstlicher Darmausgang nach chirurgischer Entfernung eines Kolorektalkarzinoms das Körperbild und den Alltag nachhaltig beeinträchtigt, mit Leid und Stress einhergeht, wundert niemanden. Verwunderlich sind dagegen Erkenntnisse aus Bayern, wonach vorhandene psychosoziale Unterstützungsangebote von nicht einmal zwei Prozent der Darmkrebspatienten genutzt werden. In einer Befragung ambulant betreuter Patienten mit Kolorektalkarzinomen hatte mehr als die Hälfte angegeben, kein psychosoziales Angebot in der Nähe ihres Wohnortes zu kennen, obwohl in acht von zehn Fällen ein solches vorhanden war.

Viele Patienten ohne Information

Gerade in großen Städten, wo es die meisten Angebote gibt, wissen offenbar sehr viele Patienten darüber nichts. Zugleich glaubt ein erheblicher Teil der Befragten nicht, mit dem Hausarzt über das psychosoziale Befinden sprechen zu können. In Städten bis eine Million Einwohner geben 70 Prozent der Darmkrebspatienten an, dies tun zu können, in ländlichen Gemeinden und Kleinstädten dagegen bis zu 90 Prozent. Auf dem Lande scheinen Hausärzte also bis zu einem gewissen Grade vorhandene Versorgungsdefizite abfangen zu können.

"Obwohl die psychosoziale Versorgung von Krebspatienten mittlerweile integraler Bestandteil der onkologischen Behandlung ist, bestehen trotz der anerkannten Wertigkeit der psychoonkologischen Versorgung immer noch erhebliche Defizite", konstatierten Dr. Anna Beraldi von der kbo-Lech-Mangfall-Klinik in Garmisch-Partenkirchen und ihre Kollegen von der Technischen Universität sowie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Akzeptanz und die tatsächliche Nutzung der Angebote liege "weit unterhalb des mehrfach objektivierten Bedarfs" (Onkologe 2016; 22: 121-126).

Insgesamt hatten Beraldi und ihre Mitarbeiter 500 ambulant betreute Patienten mit kolorektalem Karzinom auf postalischem Wege befragt sowie die Versorgungslandschaft innerhalb des Einzugsgebiets des Tumorregisters München evaluiert.

Rund 30 Prozent der Patienten schätzten die Studienautoren als psychosozial belastet ein. Davon wiederum wies etwa die Hälfte erhöhte Depressivitätswerte auf. Jeder zehnte Darmkrebspatient hatte erhöhte Angstwerte. Diese Resultate entsprechen bisherigen Erkenntnissen aus anderen Studien. "Die psychosoziale Belastung unterschied sich nicht signifikant zwischen Land- und Stadtpatienten", berichten Beraldi und Kollegen. Besonders, wenn die Patienten nicht mit ihrem Hausarzt über ihr psychosoziales Befinden sprechen könnten, sei eher mit erhöhten Angst- und Depressionswerten zu rechnen.

Geringe Akzeptanz der Betreuung

Auffällig ist die geringe Akzeptanz psychosozialer Betreuung: Nur etwa 17 Prozent der Befragten würden solche Hilfsangebote "sicher" in Anspruch nehmen, geht aus der Befragung hervor, 40 Prozent würden dies "vielleicht" tun. 43 Prozent lehnen jede Unterstützung dieser Art ab. Dahinter stecken nach den Erfahrungen der Psychotherapeuten Scham und Unsicherheit. Aufgrund des Alters der Patienten könne "ein Generationseffekt nicht ausgeschlossen werden." Jüngere Patienten stünden psychosozialen Hilfsangeboten offener gegenüber als ältere. Hinzu komme der häufige Wunsch, nach der stationären Behandlung so schnell wie möglich wieder ein normales Leben führen zu wollen. Die bewusste Auseinandersetzung mit der Krankheit und ihren Folgen wird dann eher gemieden.

Beraldi: "Mehr Öffentlichkeitsarbeit und mehr Transparenz sind notwendig, um die Akzeptanz, Kenntnis und Nutzung von psychosozialen Angeboten zu verbessern." Dazu müssten sowohl Patienten als auch den involvierten Ärzten Sinn und Zweck sowie die Inhalte der Betreuungsmöglichkeiten besser als bisher bekannt gemacht werden.

Davon abgesehen gibt es regional tatsächlich vorhandene Versorgungslücken. Sind mittelgroße und Großstädte im Allgemeinen hundertprozentig mit wohnortnahen Angeboten versorgt, verfügten laut Studie zehn Prozent der betroffenen Patienten über gar kein psychosoziales Betreuungsangebot im Umkreis von 20 km. In sieben Landkreisen Bayerns gab es zum Befragungszeitpunkt kein oder lediglich ein einziges Angebot. Fazit der Studienautoren: Je kleiner der Wohnort, desto schlechter die psychosoziale Versorgung, aber: um so besser ist das Arzt-Patienten-Verhältnis.

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