Ärzte Zeitung, 28.03.2017
 

Hirntumoren

Zentralschalter für Glioblastom gefunden

FREIBURG. Forscher des Universitätsklinikums Freiburg haben gemeinsam mit schwedischen Kollegen herausgefunden, dass das Eiweiß-Molekül ANXA2 wie ein Hauptschalter bei der Entstehung des mesenchymalen Glioblastoms wirkt (EBioMedicine 2016; online 18. September). Es steht ganz am Anfang einer Kette von Steuermechanismen, die zur Entstehung dieses Tumortyps beitragen, teilt die Uniklinik mit.

Außerdem klärten die Wissenschaftler auf, wie ANXA2 reguliert wird. Im Labor blockierten sie diesen Schalter und stoppten so die Vermehrung der Krebszellen. Die Bedeutung von ANXA2 wurde mit Hilfe eines mathematischen Verfahrens aufgeklärt, das erstmals unterschiedlichste molekulare Tumordaten gemeinsam auswertet. Das kostenfrei verfügbare Verfahren ist auch auf andere Krebsarten übertragbar und erlaubt eine präzisere Charakterisierung von Tumor-Subtypen, heißt es weiter.

"Wir konnten zeigen, dass das Eiweiß ANXA2 entscheidend ist für die Entstehung mesenchymaler Glioblastome", wird Dr. Maria Stella Carro, Leiterin der Forschungsgruppe ‚Genetik von Hirntumoren‘ an der Klinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Freiburg in der Mitteilung zitiert. Wie die Wissenschaftler demonstrierten, wird ANXA2 auf Ebene der Epigenetik reguliert, indem das Gen durch Methylierung an- oder abgeschaltet wird.

"Je schwächer das ANXA2-Gen aktiv war, desto aggressiver war die Krebsentwicklung. Darum könnte sich dieser Aktivitätsstatus auch für die Prognose der Erkrankung eignen", so Erstautor der Studie Dr. Roberto Ferrarese, Wissenschaftler in der Forschungsgruppe von Dr. Carro.

In gesunden Gehirnen kaum vorhanden

ANXA2 spielt bei Blutabbau, Zellwachstum und Zellbewegung eine Rolle. Anders als in Zellen des mesenchymalen Glioblastoms wird ANXA2 im gesunden Gehirn kaum gebildet. "Die Blockade von ANXA2 ist ein sehr interessanter Therapieansatz. Denn gesundes Hirngewebe dürfte davon vermutlich nicht betroffen sein", sagt Carro. Da ANXA2 auch in anderen Krebsarten eine wichtige Rolle spielt, werden Wirkstoffe gegen das Eiweiß bereits in ersten Studien untersucht.

Entdeckt wurde die zentrale Funktion des Eiweißes beim mesenchymalen Glioblastom durch ein neues Analyseverfahren. Damit lassen sich erstmals Wechselwirkungen innerhalb und zwischen unterschiedlichen zellulären Ebenen, wie dem Erbgut, dessen epigenetischer Steuerung und der tatsächlichen Protein-Produktion gemeinsam auswerten.

Auch Patientendaten wie Alter und Prognose werden in das Modell eingespeist. Bislang wurden diese Daten meist einzeln ausgewertet, wodurch Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Datensätzen nicht berücksichtigt wurden, heißt es in der Mitteilung.

"Das neue Modell trägt wesentlich dazu bei, zelluläre Abläufe in Krebszellen besser zu verstehen und die Tumortypen dadurch besser zu charakterisieren. Diese Mechanismen können dann gezielt auf ihr therapeutisches Potenzial hin untersucht werden", sagt Carro. Das Modell wird außerdem helfen, Krebstypen und -subtypen wesentlich genauer zu beschreiben.

Die Forscher werteten mit dem mathematischen Modell insgesamt Datensätze von 529 Patienten aus, die im Cancer Genome Atlas gesammelt sind. Für die präzise Untersuchung des Regulators ANXA2 wurden insgesamt 49 Gewebeproben von Patienten des Universitätsklinikums Freiburg ausgewertet. "Das Modell ist statistisch bereits sehr aussagekräftig, aber natürlich erfordert es noch weitere Überprüfungen im Labor und an Gewebeproben von Patienten, bevor es die Erkenntnisse in der Klinik eingesetzt werden können",so Ferrarese. (eb)

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