Ärzte Zeitung, 02.12.2004

Schädel-Hirn-Traumata schädigen Hypophyse öfter als gedacht

30 bis 70 Prozent der Patienten mit zerebraler Verletzung entwickeln neuroendokrine Störungen / Unspezifische Symptome erschweren Diagnostik

MÜNCHEN (ts). Schädel-Hirn-Verletzungen sind häufig. Das ist bekannt. Noch recht unbekannt ist dagegen, daß Patienten nach zerebralem Trauma deutlich häufiger als bisher angenommen eine Hypophyseninsuffizienz haben. Die Folgen unerkannter neuroendokriner Störungen können erheblich sein. Für den klinischen Alltag bedeutet dies: Bei Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma sollte bei entsprechenden Symptomen an eine neuroendokrine Störung gedacht und eine notwendige Diagnostik gemacht werden.

In Deutschland werden pro Jahr von 100 000 Einwohnern 200 bis 300 wegen eines Schädel-Hirn-Traumas stationär behandelt. Meist sind Verkehrsunfälle die Ursache; betroffen sind mit einem Anteil von etwa 70 Prozent überwiegend Männer. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 40 Jahren. Etwa 75 Prozent der Patienten hat nach einem schweren zerebralen Trauma erhebliche neurologische Behinderungen, etwa Lähmungen und Gleichgewichtsstörungen.

Darüber hinaus hätten viele Patienten aber auch ausgeprägte neuropsychologische sowie psychiatrische Störungen, etwa Depressionen, Angst- und Schlafstörungen, Antriebsminderung und gesteigerte Müdigkeit. Das berichtete Dr. Ilonka Kreitschmann-Andermahr bei einer Veranstaltung von Pfizer Pharma in München. Viele dieser Symptome ähneln den Symptomen von erwachsenen Patienten mit Hypophysenvorderlappen-Insuffizienz.

Daß es bei schweren Schädel-Hirn-Verletzungen zu Hypophysen-Schäden kommen kann, ist Pathologen aufgrund von Autopsien seit vielen Jahrzehnten bekannt. Im klinischen Alltag jedoch sieht es anders aus: Denn die endokrin bedingten Symptome können nicht-hormonell bedingten Symptomen des zerebralen Traumas ähneln.

Neue Untersuchungen haben nach Aussage der Neurochirurgin der Uni Aachen jedoch ergeben, daß neuroendokrine Störungen nach Schädel-Hirn-Trauma und auch nach aneurysmatischer Subarachnoidalblutung keine Rarität sind, wie bislang angenommen, sondern häufig: Etwa bei 30 bis 70 Prozent der Patienten wurden solche Störungen entdeckt, etwa eine verminderte Produktion von ACTH (adrenocorticotropes Hormon), von TSH (thyreotropes Hormon) oder auch von Wachstumshormon.

Blieben diese endokrinen Störungen unerkannt und würden die Patienten nicht adäquat behandelt, also mit der Substitution von Hormonen, bedeute dies eine starke Einschränkung, etwa der Rehabilitation und des sozialen sowie beruflichen Lebens, sagte die Neurochirurgin. Da Menschen mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma oder zerebraler Aneurysma-Blutung meist vor ihrer Erkrankung noch mitten im Leben standen, haben unerkannte hypophysäre Schäden zudem eine erhebliche volkswirtschaftliche Bedeutung.

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