Ärzte Zeitung, 13.03.2009

Eine Lehre aus Erfurt: In Winnenden war sehr schnell psychologische Hilfe vor Ort

Bereits zwei Stunden nach dem Amoklauf von Winnenden wurden jene Schüler, die Zeugen der Tat wurden, psychologisch betreut. Schnelle Hilfe durch geschulte Therapeuten ist eine Lehre aus den Amokläufen in Erfurt und Emsdetten.

Von Pete Smith

Einsatzkräfte und Notfallseelsorger besprechen sich am Mittwoch.

Foto: dpa

In Folge dieser Taten wurden in vielen Städten Kriseninterventionspläne erstellt und speziell geschulte Teams zusammengestellt, die im Notfall sofort einsatzbereit sind. Ein solches Team aus Stuttgart hat in Winnenden Akuthilfe geleistet. Zudem waren sogleich 15 Notfallseelsorger vor Ort. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Amoklaufs haben auch Notfallpsychologen aus Erfurt und Helfer der Opferschutzorganisation Weißer Ring ihre Unterstützung angeboten.

Wie wichtig die unmittelbare Hilfe der traumatisierten Opfer ist, beschreibt die Erfurter Psychotherapeutin Dr. Alina Wilms, die nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 2002 Schüler und Lehrer betreute. Nicht nur während eines traumatischen Erlebnisses verlören Betroffene die Kontrolle über sich und die Situation, sondern auch in der unmittelbaren Folge. Wer als betroffen gilt, müsse schnell geklärt werden. Denn nicht nur die Opfer und Zeugen von Gewalt, sondern auch beiläufig beteiligte Personen könnten durch das Ereignis traumatisiert worden sein, so Wilms.

Die Psychotherapeutin sieht die vordringlichste Aufgabe darin, die Traumatisierten gegen Angstvorstellungen zu immunisieren. Dazu gehört, alle Beteiligten zunächst von der Außenwelt abzuschotten und ihnen keine Gespräche über das belastende Ereignis aufzudrängen. Nur auf ausdrücklichen Wunsch der Betroffenen solle man mit ihnen über die Vorgänge reden.

Wilms spricht von drei Phasen der Betreuung. Zunächst klärt sie ihre Patienten über mögliche Symptome eines Traumas wie etwa Schuldgefühle, Kopf- oder Bauchschmerzen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Reizüberempfindlichkeit auf. In der zweiten Phase lernen die Betroffenen, wie sie mit unerträglichen Assoziationen an den Amoklauf umgehen können, bevor die Therapeutin schließlich in einer dritten Phase - der Traumakonfrontationstherapie - mit den Patienten den Ort des Geschehens aufsucht. Bis Betroffene ihr Trauma aufgearbeitet haben, können Jahre vergehen.

Auch die Diplom-Psychologin Gabriele Kluwe-Schleberger, Expertin für Kinderpsychotraumatherapie aus Rohr in Thüringen, hebt die Bedeutung einer akuten Intervention in Folge eines School Shootings heraus. Nach dem Massaker in Erfurt hat sie sich als eine der ersten um die betroffenen Schüler gekümmert. Zunächst galt es, die Kinder und Jugendlichen über ihre eigenen Reaktionen aufzuklären, sie in die Wirklichkeit zurückzuholen.

Ständig wiederkehrende Bilder und Geräusche, heftiger Schwindel - manche Kinder hätten gedacht, sie seien verrückt, andere seien so dissoziiert gewesen, dass sie die Höhe der Treppenstufen nicht mehr unterscheiden konnten. "Am Anfang steht immer: essen, trinken, trösten, dann Information", so Kluwe-Schleberger. "Die basalen Bedürfnisse müssen zunächst befriedigt werden. Das wird oft übersehen." Erst danach habe sie Unterscheidungen getroffen, wo die Trauer dominierte, bei wem ein Schock oder tiefes Trauma vorlag.

Nach dem Amoklauf von Erfurt galt fast die Hälfte aller Schüler am Gutenberg-Gymnasium als traumatisiert. Auch viele Lehrer und Hinterbliebene wurden damals psychologisch betreut. Von den etwa 600 Schülern und Lehrern, die eine solche Hilfe in Anspruch nahmen, befanden sich ein Jahr nach dem Massenmord die meisten weiterhin in Gruppen- und Einzeltherapie. Nach Angaben der Unfallkasse Thüringen werden noch heute, sieben Jahre danach, neun Schüler und sechs Lehrer wegen posttraumatischer Belastungsstörungen behandelt. Eine Sprecherin der Kasse sprach die Befürchtung aus, dass nach dem Amoklauf von Winnenden "viele weitere an dieses Ereignis erinnert und auch wieder rückfällig werden".

Maßnahmen zur Akuthilfe bei einem psychosozialen Notfall im Internet: www.degpt.de/info.htm

Eye Movement Desensitization and Reprocessing

Die Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) wirkt vor allem bei Kindern sehr schnell. Es ist eine in den USA entwickelte Methode zur Verarbeitung traumatischer Inhalte. In Erfurt erhielten die meisten Schüler eine solche EMDR-Therapie. Im Mittelpunkt von EMDR steht die bilaterale Stimulierung durch Rechts-Links-Bewegungen der Augen oder durch akustische Reize. Dadurch soll ein biochemischer Prozess ausgelöst werden, der eine Synchronisation der Hirnhälften ermöglicht, die nach einem traumatischen Ereignis oft gestört ist.(Smi)

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