Ärzte Zeitung, 29.01.2016

Beziehungstaten

Wenn die Liebe tödlich endet

Immer wieder kommt es zu Fällen, in denen ein Mann seine Frau umbringt - oder umgekehrt. Meist geschehen solche Beziehungstaten in einer etablierten Partnerschaft, berichtet ein forensischer Psychiater - und erklärt, warum es manchmal zu einer solchen Tragödie kommt.

BERLIN. Der Intimizid - die Tötung des Intimpartners - ist das dramatische Ende einer festen Beziehung, die einmal mit Liebe und Hoffnung begann.

Die Vorgeschichte bis zu dieser totalen Katastrophe reicht oft jahrelang, oft auch jahrzehntelang zurück.

Eine Kategorisierung der Intimizide ist schwierig, jeder Einzelfall muss multidimensional betrachtet und ausgelotet werden, so Professor Andreas Marneros, Halle, der als forensischer Psychiater jahrzehntelange Erfahrung mit der Begutachtung solcher Fälle hat.

Die Katastrophe hat immer zwei Protagonisten, betonte er beim DGPPN-Kongress in Berlin.

Die Interaktionssysteme, die emotionalen und psychischen Prozesse und die mögliche Psychopathologie beider Partner müssen exploriert werden.

Wichtig sind auch die Minuten vor der Tat

Auch der Tathergang selbst ist wichtig und keine Einmischung in die Arbeit des Staatsanwalts, bekräftigte Marneros: Die Intentionalität und die Peristase, also die Umwelteinflüsse, wenige Minuten und Stunden vor der eigentlichen Tat sind wichtig auch für die Begutachtung durch den forensischen Psychiater.

Etwa sieben von zehn Intimiziden geschehen in einer etablierten Partnerschaft, oft aus einer jahrzehntelang aufgebauten Erschütterung der Selbstdefinition des Täters heraus. "Unser aller Selbstdefinition braucht die Reflexion der anderen", sagte Marneros.

Wenn dies in der Beziehung dauerhaft versagt bleibe und auch extern keine Quelle zur Stützung der Selbstdefinition bestehe, werde diese erschüttert. Faktoren, die zu einer solchen Entwicklung beitragen, sind seinen Ausführungen nach

- ein ungleicher Grad der Fixierung auf die Beziehung,

- eine deutliche teleologische Asymmetrie - die Partner investieren unterschiedlich viel in die Beziehung,

- ein geringer Grad der interaktionalen Komplettheit - die Partner ergänzen sich nicht gut - und

- eine geringe Verfügbarkeit von Alternativressourcen.

Täter oftmals lebensbankrotte Intimpartner

Dies alles ist der Nährboden für eine zunehmende Destabilisierung der Beziehung mit Zweifeln des zukünftigen Täters an sich selbst und am anderen.

Es kann zur konzeptionellen Desorientierung des Täters kommen und schließlich zur "finalen Bankrottreaktion", wie Marneros es nannte: Zum Intimizid als Prototyp der Affekttaten an einem relevanten Anderen, bei dem alle Hemmungs- und Bewältigungsmechanismen zusammenbrechen. Täter sind häufig sthenisch unterlegene, chronisch gekränkte und / oder lebensbankrotte Intimpartner.

Der Intimizid richtet sich gegen den die Lebensordnung Zerstörenden (etwa weil der die Trennung will), kann aber auch eine autoprotektive Reaktion sein oder ein Emanzipations- und Befreiungsausbruch.

Besonders tragisch ist, wenn der Intimizid mit Ersatzopfern erfolgt: Die geliebten gemeinsamen Kinder werden getötet, um den Intimpartner zu bestrafen und ihm lebenslange Leiden beizubringen.

Das kann insbesondere eintreten, wenn der Täter einen malignen Narzissmus aufweist: eine narzisstische Persönlichkeitsstörung gepaart mit antisozialem Verhalten, einer Ich-syntonen Aggression oder Sadismus gegen andere und eine ausgeprägt paranoide Haltung. (fk)

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