Ärzte Zeitung online, 04.04.2017

Expertennetzwerk

Querschnittlähmung: Risikofaktor für Blasenkrebs

Forscher haben Hinweise dafür gefunden, dass ein Zusammenhang zwischen Querschnittlähmung und dem Auftreten eines Harnblasentumors besteht.

DORTMUND. Durch Fortschritte in der modernen Medizin hat sich die Lebenserwartung von Menschen mit einer Querschnittlähmung deutlich verbessert: Personen mit einer Lähmung der Rumpfmuskulatur und der unteren Gliedmaßen haben eine um etwa zwei Jahre verkürzte Lebenszeit, teilt das Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) mit. Bei tetraplegisch Verletzten, bei denen zudem die Armmuskulatur gelähmt ist, sind es zirka acht Jahre. Gesundheitliche Probleme, die erst nach Jahren auftreten, zum Beispiel Tumoren der Harnblase, sind zunehmend relevant im Laufe der Behandlung von Querschnittgelähmten.

Den Zusammenhang zwischen Querschnittlähmung und dem Auftreten von Harnblasenkrebs haben jetzt Urologen des Berufsgenossenschaftlichen Klinikums Hamburg zusammen mit anderen Urologen und Forschern des IfADo untersucht.

Dazu hat das Expertennetzwerk alle bereits veröffentlichten Studien zum Thema ausgewertet. Zudem haben die Forscher die Daten von knapp 6600 Patienten mit Querschnittlähmung analysiert, die zwischen 1998 und 2014 im Hamburger Klinikum behandelt wurden (Int Urol Nephrol 2017; online 22. März). Bei 24 Patienten wurde ein Harnblasentumor diagnostiziert. In 79 Prozent der Fälle handelte es sich um einen Harnblasenkrebs, der bereits in die Muskulatur eingewachsen war. Diese invasive Tumorvariante ist seltener, aber auch aggressiver und hat daher eine schlechtere Prognose.

"Im Schnitt waren die querschnittgelähmten Patienten, die an einem Harnblasenkrebs erkrankten, deutlich jünger als nicht querschnittgelähmte Personen mit Harnblasenkrebs", werden die Studienleiter Dr. Ralf Böthig, Leiter der Neuro-Urologie des Berufsgenossenschaftlichen Klinikums Hamburg und Professor Klaus Golka, Leiter der Forschungsgruppe "Klinische Arbeitsmedizin" am IfADo, in der Mitteilung zitiert.

Eine Verschiebung des Erkrankungsalters bestätigte auch der Literaturvergleich: Querschnittgelähmte lagen zum Zeitpunkt der Diagnose Harnblasenkrebs 15 bis 30 Jahre unter dem Durchschnitt in der Normalbevölkerung. "Diese Befunde weisen klar darauf hin, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Querschnittlähmung und dem Harnblasenkarzinom bei diesen Patienten besteht", so die beiden Studienleiter.

Die Datenauswertung hat darüber hinaus ergeben, dass, wenn zwischen dem Zeitpunkt des Unfalls beziehungsweise des Lähmungseintritts und der Diagnose Harnblasenkrebs (Latenzzeit) zehn Jahre oder mehr liegen, ein erhöhtes Erkrankungsrisiko besteht. Welche Gründe diesen Ergebnissen zugrunde liegen, wissen die Forscher aber noch nicht. "Wir planen eine prospektive Studie, in der wir auch die Pathomechanismen erforschen wollen", sagen die beiden Studienleiter.(eb)

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