Ärzte Zeitung, 02.04.2018

Tabakerhitzer

Schadensminimierung gewinnt Freunde

International widmen sich immer mehr Gesundheitssysteme dem Ansatz risikoreduzierter Tabakprodukte. Das schlägt sich auch bei der Regulierung nieder.

Die Tabakindustrie forscht schon längere Zeit an Produkten mit modifiziertem Risiko im Vergleich zu konventionellen Verbrennungszigaretten. Diese dem Ansatz der Harm Reduction folgende Alternative für Raucher, die nicht aufhören wollen oder können, beschäftigt zunehmend auch die Zulassungsbehörden.

So hat zum Beispiel die US-Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) mit der im Jahre 2009 etablierten Kategorie der Modified Risk Tobacco Products (MRTP) einen Paradigmenwechsel bei der Tabak- und Nikotinregulierung in den USA eingeläutet. Zwar steht bei der 2017 von der FDA vorgestellten, neuen Anti-Rauch-Strategie für die nächsten Jahre nach wie vor das Nikotin und dessen Abhängigkeitspotenzial im Mittelpunkt der Agenda.

Im Detail macht die FDA allerdings eine kleine, aber feine Unterscheidung. So hebt sie zwar die generelle Gefahr der Nikotinabhängigkeit hervor, verweist aber auch darauf, dass ein kontinuierliches Risiko vor allem daraus resultiert, dass der Tabak in der Zigarette verbrennt – und dieser Verbrennungsvorgang zusätzliche Gesundheitsrisiken birgt. Daher setze sie sich nun für die Schadensbegrenzung und damit beispielsweise für die Förderung innovativer Tabakerhitzer ein, bei denen der Tabak verdampft, bis das Nikotin freigesetzt wird – ein Verbrennungsprozess wie bei konventionellen Zigaretten findet bei diesen Lösungen indes nicht statt.

Für die Zulassung als MRTP müssen Hersteller der FDA nachweisen, dass das Produkt – zum Beispiel ein Tabakerhitzer, Snus oder eine E-Zigarette – weniger schädlich ist als ein konventionelles Tabakverbrennungsprodukt oder im Vergleich zu diesen ein deutlich geringeres Risikoprofil für tabakassoziierte Erkrankungen aufweist. Die Produkte müssen einen verringerten Ausstoß schädlicher Substanzen aufweisen oder dürfen erst gar keine enthalten.

Laut FDA gab es 35 MRTP-Anträge zwischen 2011 und 2017 – alle seien abgewiesen oder zurückgezogen worden. Den Antragstellern gelang die wissenschaftliche Beweisführung der Schadensminimierung nicht. Derzeit läuft ein Antrag von Philip Morris International auf Anerkennung seines Tabakerhitzungssystems IQOS als MRTP – R.J. Reynolds Tobacco will die Anerkennung für sechs Camel-Snus-Produkte.

Raucher sollen so nach dem Willen der FDA bewusst zum Umstieg auf potenziell risikoreduzierte Produkte gebracht werden. Goldstandard bei der Schadensminimierung bleibe aber der Rauchstopp.

Professor Bernhard-Michael Mayer, Toxikologe und Pharmakologe an der Universität Graz, sieht in E-Zigaretten sowie Tabakerhitzern eine "historische Chance zur Tabakprävention". Zahlreiche Laboruntersuchungen, klinische Studien sowie bereits mehr als 100 Millionen "Dampferjahre" ohne dokumentierte Schädigungen belegten seiner Meinung nach eindeutig die positiven Effekte eines Umstiegs von Zigaretten auf risikoreduzierte Produkte. So wie Mayer sprechen sich auf internationaler Ebene immer mehr Public-Health- und Suchtexperten dafür aus, Harm Reduction-Ansätze stärker als ernstzunehmende Alternative zu berücksichtigen.

So zum Beispiel der britische Ärzteverband Royal College of Physicians. Das britische National Institute for Health and Care Excellence weist in seiner Leitlinie zur Tabak-Schadensminimierung darauf hin, dass "primär die Toxine und Karzinogene im Tabakrauch, nicht das Nikotin Krankheiten und den Tod verursachen". Die britische Regierungsbehörde Public Health England rät, "Menschen dadurch beim Rauchausstieg zu helfen, dass innovative Technologien, die das Schadensrisiko minimieren, zugelassen und die Verfügbarkeit sicherer Alternativen zum Rauchen maximiert werden." Neuseelands Gesundheitsministerium äußert sich dahingehend, dass "Tabakerhitzer, Snus, feuchter Schnupftabak, lösliches und inhaliertes Nikotin signifikant sicherer sein können als Zigaretten."

Das Aktionsbündnis Nichtrauchen (ABNR) und das Deutsche Krebsforschungszentrum halten bisher an der konsequenten Tabakprävention fest. Das ABNR plädiert in einem aktuellen Positionspapier auch für die stärkere Förderung des Rauchausstiegs: "Erforderlich ist eine Regelung, die die Kostenübernahme für wissenschaftlich gesicherte Methoden der Tabakentwöhnung durch die GKV ermöglicht." (maw)

Lesen Sie dazu auch den Hintergrund:
Tabakerhitzer: Die Zukunft des Rauchens

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