Ärzte Zeitung online, 15.11.2017
 

Interview mit Kopfschmerzspezialistin

"Migräne kann man nicht davonlaufen"

Wieder zuversichtlich planen und handeln zu können – das bezeichnet die Neurologin Dr. Astrid Gendolla als ein wesentliches Therapieziel bei chronischer Migräne. Aber ein eventueller Medikamentenübergebrauch muss bedacht werden.

Von Thomas Meißner

„Migräne kann man nicht davonlaufen“

Bei chronischer Migräne liegen oft zusätzlich Angst-und Schlafstörungen oder Depressionen vor.

© Hemera Technologies / Photos.com

Ärzte Zeitung: Frau Dr. Gendolla, Kopfschmerzspezialisten unterscheiden episodische von chronischer Migräne. Das verstehe ich nicht.

Dr. Astrid Gendolla: Wer Migräne hat, kann dieser Erkrankung nicht davonlaufen. Sie ist letztlich immer chronisch.

Wieso dann die Unterscheidung?

Dr. Astrid Gendolla

» Aktuelle Position: Niedergelassene Neurologin mit Zusatzbezeichnungen Spezielle Schmerztherapie und Psychotherapie in Essen und Leiterin des Regionalen Schmerzzentrums DGS Essen

» seit 2009 in eigener Praxis

» 2005 Oberärztin und Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums

» Facharztausbildung an der Universitätsklinik Essen

» Medizinstudium in Würzburg, Auslandsaufenthalte in Indien und der Schweiz

AG: Weil der Grad der Behinderung bei der als "chronisch" bezeichneter Migräne höher ist: Die Lebensqualität ist vergleichsweise schlechter, die Ausfallzeiten am Arbeitsplatz sind größer, es gibt mehr Berentungen. Die Zuversicht, das eigene Leben planerisch in die Hand zunehmen, ist massiv beeinträchtigt.

Ein Beispiel: Ein junges Mädchen mit gutem Abitur will Maschinenbau studieren, wird dann aber lieber Technische Zeichnerin. Warum? Weil sie meint: "Ich habe so viel Kopfschmerzen, das wird nicht funktionieren!" Da hinein spielt auch das Problem, dass wir Migräne nicht objektivieren können. Die Diagnose wird allein aufgrund des Kopfschmerztagebuchs gestellt.

Die chronische Migräne ist also eine deutlich höher frequente Migräne als die episodische. Laut aktualisierter Definition bestehen pro Monat an 15 Tagen Kopfschmerzen, davon sind acht Migräne-Tage. Unterschieden werden dann noch einmal Patienten mit und ohne Medikamentenübergebrauch.

Kann sich also eine episodische zu einer chronischen Migräne entwickeln?

AG: Ja. Und auch wieder zurück! Dazu braucht es eine gut strukturierte Behandlung, bei der ich nicht nur medikamentöse und nichtmedikamentöse Behandlungen wie Verhaltenstherapie, Entspannungsverfahren und körperliche Aktivität zusammenführe, sondern auch schaue, was die Kopfschmerzen für das Leben der Patienten bedeuten.

Meist liegen zusätzlich Angst-und Schlafstörungen oder Depressionen vor. Zudem sollte die Familie in die Therapie einbezogen werden.

Warum wird zusätzlich unterschieden zwischen Patienten mit und ohne Medikamentenübergebrauch?

AG: Die medikamentöse Migräneprophylaxe, die in erster Linie mit Betablockern, Antiepileptika und Antidepressiva erfolgt, wirkt besser, wenn kein Medikamentenübergebrauch für Kopfschmerzen besteht. Nun gibt es seit Jahren eine Kontroverse darüber, wie mit den Patienten mit chronischer Migräne plus Medikamentenübergebrauch umzugehen sei.

Vier neue Antikörper gegen Migräne in Sicht

Die einen sagen: Mach erst den Entzug und behandle dann mit Botulinumtoxin A. Andere behandeln auch dann, wenn Übergebrauchskopfschmerz besteht. Ich selbst beginne etwa sechs bis acht Wochen vor dem Medikamentenentzug prophylaktisch zu behandeln. Das ist die Zeit, in der die Prophylaxe beginnt zu wirken.

Dann wird der ambulante oder stationäre Medikamentenentzug eingeleitet. Ambulant wird alles für 14 Tage abgesetzt, dann rate ich den Patienten, wieder langsam mit der Medikation einzusteigen.

Welches sind realistische Therapieziele bei chronischer Migräne?

AG: Ich sage meinen Patienten: "Sie und ich werden, wenn Sie das möchten, den Rest unseres Lebens von Zeit zu Zeit zusammen verbringen. Was wir gemeinsam schaffen können ist, dass Sie das Leben wieder so in die Hand nehmen, dass Sie zuversichtlich planerisch denken und handeln können." Ziel ist es also, dass die Krankheit das Leben nicht dominiert.

Topiramat wird als medikamentöses Prophylaktikum empfohlen...

AG: Bei Migräne-Patienten mit Medikamentenübergebrauch ist das Antiepileptikum Topiramat prophylaktisch gut wirksam. Manche Patienten leiden aber unter Nebenwirkungen. Hyperparästhesien an Händen und Füßen und ein metallener Geschmack von Mineralwasser verschwinden innerhalb von etwa sechs Wochen.

Ihnen kann man begegnen, indem für diese Zeit eine Banane pro Tag gegessen oder Kalium substituiert wird. Treten Wortfindungsstörungen oder eine dysthyme Stimmungslage auf, muss das Medikament abgesetzt werden, danach sind diese Effekte reversibel.

Botulinumtoxin-A-Injektionen sollen bei episodischer Migräne nicht wirken, bei chronischer schon. Wie lässt sich das erklären?

Das sind die Ergebnisse aus klinischen Studien. Wie das im Einzelfall aussieht, weiß man immer erst, wenn man über einen Zeitraum von sechs bis neun Monaten behandelt, also im Abstand von drei Monaten Botulinumtoxin injiziert hat.

Am Anfang haben wir den Fehler gemacht, Patienten, bei denen keine Besserung eingetreten ist, gar nicht mehr damit zu behandeln und wenn eine Besserung eingetreten ist, zu sagen: "Kommen Sie wieder, wenn es schlimmer wird." Heute versuchen wir das über sechs bis neun Monate, dann schleichen wir langsam aus und schauen, ob die vorherige Kopfschmerzfrequenz wiederkehrt oder nicht.

Welche Alternativen gibt es?

Günstig bei chronischer Migräne ist die zusätzliche antidepressive Behandlung, etwa mit Citalopram oder Venlafaxin, und wenn Schlafstörungen bestehen mit einem schlafanstoßenden Mittel wie Doxepin. Es ist außerdem unglaublich wichtig, Menschen in die Handlungsfunktion zu bekommen, sei es mit Sport, Yoga oder Meditation.

Entscheidend ist dabei die Defokussierung vom Schmerz. Die Menschen müssen das Gefühl bekommen, dass sie ihr Leben wieder im Griff haben.

Lesen Sie dazu auch:
Prophylaxe: Vier neue Antikörper gegen Migräne in Sicht

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