Ärzte Zeitung online, 08.02.2017
 

DETECT-Studie

Jeder dritte Hausarzt-Patient ist chronisch nierenkrank

Chronische Nierenleiden werden in Deutschland häufig zu spät erkannt. Ärzte empfehlen daher, im Rahmen der Gesundheitsvorsorge auch die Nierenfunktion zu bestimmen.

Jeder dritte Hausarzt-Patient ist chronisch nierenkrank

Ein Ergebnis der DETECT-Studie: Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion litten vermehrt an Koronarer Herzkrankheit, Diabetes mellitus und hohem Blutdruck.

© psdesign1 / Fotolia

MANNHEIM. In Deutschland leidet etwa jeder dritte Patient in der ärztlichen Primärversorgung an einer chronischen Niereninsuffizienz. Das berichten Forscher um Professor Winfried März von der V. Medizinischen Klinik der Universitätsmedizin Mannheim (Journal of Public Health; doi 10.1007/s10389-016-0773-0). Das Team hat erstmals das Ausmaß von Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen in der allgemeinärztlichen Versorgung in Deutschland untersucht.

Dazu wurde die Häufigkeit von eingeschränkter Nierenfunktion bei 4080 zufällig ausgewählten Patienten aus ganz Deutschland auf Basis der Studie DETECT* analysiert. An der Studie nahmen 3188 Hausarztpraxen aus dem gesamten Bundesgebiet teil. In 851 Praxen waren zwischen 2004 und 2007 Blutproben zur Bestimmung der Nierenfunktion gewonnen worden. Damit ließ sich das Voranschreiten der chronischen Nierenerkrankungen beurteilen, berichtet die Universitätsmedizin Mannheim in einer Mitteilung.

DETECT-Studie

Ziel von DETECT ist es, die Versorgung chronisch kranker Patienten etwa mit Diabetes mellitus, Hypertonie und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der hausärztlichen Praxis zu erfassen.

Teilnehmer waren 3188 Hausärzte und 55.518 Patienten im gesamten Bundesgebiet.

Mehr Informationen unter: www.detect-studie.de

Ergebnis: In der hausärztlichen Versorgung lag die Prävalenz von Patienten mit chronischer Nierenerkrankung bei 28 Prozent, das heißt, die errechnete glomeruläre Filtrationsrate (GFR), das Gesamtvolumen des gebildeten Primärharns pro Zeit, lag bei ihnen ≤60 ml/min/1,73 m2.

Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion litten vermehrt an Koronarer Herzkrankheit, Diabetes mellitus und hohem Blutdruck. Die GFR nahm dabei im Mittel um 1,84 ml/min/1,73m2 pro Jahr ab. Frauen verzeichneten eine stärkere Abnahme der GFR als Männer. Bei Patienten mit Diabetes mellitus nahm die Nierenfunktion am stärksten ab (2,6 ml/min/1,73m2).

"An der Studie nahmen Patienten teil, die aus irgendeinem Grund ihren Hausarzt aufsuchten. Die Erkenntnisse zeigen, dass Einschränkungen der Nierenfunktion in der Primärversorgung sehr häufig sind und in der Patientenversorgung gebührend beachtet werden sollten", betont März in der Mitteilung.

"Um das Voranschreiten chronischer Nierenerkrankungen zu vermeiden, ist es wichtig, betroffene Patienten frühzeitig zu erkennen. Deshalb sollte erwogen werden, eine Bestimmung der Nierenfunktion in die Gesundheitsvorsorge aufzunehmen" so März weiter. (eb/eis)

*DETECT: Diabetes Cardiovascular Risk-Evaluation – Targets and Essential Data for Commitment of Treatment

[08.02.2017, 12:58:20]
Hartwig Raeder 
Antwort an Kollegen Schätzler
Sie haben völlig Recht. Aber eine kleine Richtigstellung. Alle Schätzformel für die GFR beziehen sich auf Standardmenschen. Ihre Wortwahl "normierte Körperoberfläche" ist also falsch; richtig wäre "standardisierte Körperoberfläche". Wenn die Körperoberfläche des Patienten von 1,73 m² abweicht, dann muss seine GFR mit der Standardkörperoberfläche von 1,73 m² multipliziert und anschließend durch seine Körperoberfläche KOF dividiert werden. Dabei kürzen sich die Einheiten der Fläche in Zähler und Nenner weg. Es bleibt die Nierenfunktionseinheit ml/min übrig. Diesen Vorgang nennt man Normierung. Die dazu erforderliche Formel ist die von mir entwickelte Normierungsformel GFR(1,73 m²/KOF). Für die Stadieneinteilung und für die ICD-10-Klassifizierung ist sie immer zwingend vom Arzt anzuwenden. Das Labor kann das nicht erledigen, weil es weder Größe noch Gewicht des Patienten kennt. Das Labor kann also nicht zwischen kleinen Gesunden und großen Kranken unterscheiden. zum Beitrag »
[08.02.2017, 11:56:36]
Thomas Georg Schätzler 
Von wegen "DETECT"!
Die Publikation: "Chronic kidney disease [CKD] in primary care in Germany" von Ingrid Gergei et al. macht systematische Fehler.

Keineswegs wurde die P r ä v a l e n z von chronischen Nierenfunktionsstörungen/-Erkrankungen detektiert ["In this study, we examined the prevalence of CKD in primary health care in Germany"], denn diese würde das Vorkommen eines Befundes/einer Erkrankung in der G e s a m t-Population von Nicht-Patienten u n d Patienten beschreiben müssen.

Von daher ist die Schlussfolgerung ["Conclusion - In this representative sample of patients seeking medical advice in primary care, the prevalence of impaired kidney function was almost one third"] definitiv falsch: Diese repräsentative Stichprobe bezog sich auf eine Vorselektion von Hausarzt-P a t i e n t e n und beschreibt die I z i d e n z von fast einem Drittel mit einer eingeschränkten Nierenfunktion.

Im Übrigen berücksichtigen die verwendete vereinfachte MDRD-Formel ["Simplified Modification of Diet in Renal Disease (MDRD)"] und die etwas genauere beschreibende glomeruläre Filtrationsrate als GFR-Wert nach der CKD-EPI-Formel (Chronic Kidney Disease Epidemiology Collaboration) ["CKD Epidemiology Collaboration (CKD-EPI) equations"] zwar das Alter in Jahren, Geschlecht, Hautfarbe als Berechnung auf die normierte Körperfläche (KOF) von 1.73 m²:

Aber n i c h t die mit zunehmende Prävalenz und Inzidenz der Adipositas (permagna) a n s t e i g e n d e KOF sowohl in der Gesamtbevölkerung, als auch bei unseren Patientinnen und Patienten. O h n e individualisierte Gewicht- (kg) und Größen-Angaben (cm) und unter krasser Verwechselung von Inzidenz und Prävalenz bleibt die vorgelegte Publikation
http://link.springer.com/article/10.1007/s10389-016-0773-0
"Chronic kidney disease in primary care in Germany" im Journal of Public Health”
reine Makulatur. Ich bedaure, dass ich das nicht diplomatischer formulieren kann!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[08.02.2017, 10:11:25]
Diethard Friedrich 
Analgetika grundsätzlich nur mit Rezept
Fragen wir mal die Apotheker, wieviel Diclofenac, Ibuprofen und andere Medikamente täglich ohne Rezept über den Ladentisch gehen. Als Diabetiker weiss ich persönlich, wie schnell mein Kreatinin hochschnellt und GFR sich verändert, wenn ich mehr als nur einmal die o.g. Medikamente nehme. Sie sollten grundsätzlich rezeptpflichtig werden. Auch wenn es zu Lasten der Krankenkassen ginge, so sparen diese dann letztendlich an den viel teureren Folgekosten. zum Beitrag »
[08.02.2017, 09:23:05]
Hartwig Raeder 
Definition der Niereninsuffizienz
Jeder Mensch ist niereninsuffizient. Denn ein Stadium 0 der Niereninsuffizienz gibt es nicht. Nur wenige niereninsuffiziente Patienten sind wirklich auch nierenkrank. Man muss also streng zwischen den Wörtern Nierenkrankheit und Niereninsuffizienz unterscheiden. Die Differenz zwischen beiden Begriffen sind die Extrarenalsyndrome, also die Niereninsuffizienz ohne schwere doppelseitige schmerzhafte (histologisch nachweisbare) Nephropathien. Es handelt sich um das Kardiorenalsyndrom, das Pulmorenalsyndrom und das Hepatorenalsyndrom. Diese Extrarenalsyndrome verkleinern das Herzzeitvolumen und damit auch die renale Perfusion. Außerdem darf die dreifach falsche Nierenfunktionseinheit ml/min/1,73 m² nach den internationalen Leitlinien nur nach Anwendung der von mir entwickelten Formel GFR(1,73 m²/Körperoberfläche) angewendet werden. Niemals ist das Stadium der Niereninsuffizienz kleiner als das Stadium der Herzinsuffizienz. zum Beitrag »

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