Ärzte Zeitung online, 22.09.2017

Erektionsstörungen

Macht Kaffee impotent?

Kaffee wird mancher günstige Effekt auf die Gesundheit nachgesagt. Eine Studie hat untersucht, was das belebende Getränk für Männer – und besonders deren Potenz – bedeutet: Belebt Kaffee also das Sexleben oder führt er zur toten Hose?

Macht Kaffee impotent?

Kaffee als natürliches Potenzmittel oder etwa das Gegenteil: Studien geben Hinweise auf beides – je nach Kaffeekonsum.

© Motiv: iprachenko / stock.adobe.com | Hintergrund: ajo

HOUSTON. Das Getränk der Deutschen ist keineswegs Bier, sondern Kaffee. Pro Kopf und Jahr beträgt der Kaffeekonsum rund 160 Liter, verglichen mit 110 Liter Bier. Und das, obwohl schon Carl Gottlieb Hering (1766–1853) in seinem "Kaffeekanon" gemahnt hat: "C-a-f-f-e-e, trink nicht so viel Kaffee."

Für Kinder sei der Trank nicht geeignet, er schwäche die Nerven, mache blass und krank. Mit Blick auf Kinder scheint das nachvollziehbar. Doch wie steht es um die Verträglichkeit für erwachsene Männer?

Polyphenole erhöhen Testosteronspiegel

Speziell für Männer ist Kaffee aus mehreren Gründen ein interessantes Gebräu. Er enthält viele Polyphenole, kann den Testosteronspiegel erhöhen, führt zur Entspannung der kavernösen glatten Muskulatur und zur besseren Blutversorgung durch die penilen Arterien.

All dies sollte sich günstig auf die Erektionsfunktion auswirken. In Studien hat sich auch tatsächlich eine inverse Beziehung zwischen dem Kaffeekonsum und der Häufigkeit von erektiler Dysfunktion gezeigt.

Allerdings hatte es sich dabei um Querschnittsuntersuchungen mit relativ wenigen Teilnehmern gehandelt. Eine Forschergruppe um Dr. David Lopez von der University in Houston hat den Zusammenhang deshalb im Zuge einer prospektiven Studie – der Health Professionals Follow-up Study – mit mehr als 20.000 Teilnehmern (mittleres Alter 62 Jahre) zu klären versucht (Am J Epidemiol 2017, online 23. August).

Während der zehnjährigen Nachbeobachtungsphase betrug die Inzidenz von erektiler Dysfunktion 34 Prozent. Eine Assoziation mit der Menge des täglich getrunkenen Kaffees war nicht festzustellen, weder im positiven noch im negativen Sinn.

Macht Koffeein den Unterschied?

Wie immer also der Hinweis im besagten Kaffeekanon gemeint sein mag, wonach Kaffee die Glieder schwächt – zumindest ein Glied scheint davon nicht betroffen zu sein. Doch gilt das womöglich nur für Kaffee mit Koffein.

Für entkoffeinierten Kaffee fanden Lopez und Mitarbeiter nämlich durchaus einen Zusammenhang mit erektiler Dysfunktion, und zwar einen negativen: Männer, die täglich vier oder mehr Tassen dieses Getränks zu sich nahmen, hatten ein signifikant – nämlich um 37 Prozent – höheres Risiko für erektile Dysfunktion als Männer, die auf entkoffeinierten Kaffee verzichteten. Biologisch sei das nicht plausibel, fanden Lopez und Kollegen.

Überdies seien Erektionsstörungen in der Studie nur bei Rauchern zu beobachten gewesen, was trotz des Abgleichs nach Störfaktoren auf eine systematische Verzerrung der Ergebnisse deute, schreiben Lopez und seine Kollegen. (rb)

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[22.09.2017, 12:43:51]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Des Rätsels Lösung!
Warum das Autorenteam von "Coffee intake and incidence of erectile dysfunction" von David S. Lopez et al. nicht selbst auf die Lösung kommt, bleibt rätselhaft?

Weshalb ist es bloß biologisch implausibel, dass Männer mit täglich vier oder mehr Tassen entkoffeiniertem Kaffee bei der erektilen Dysfunktion ein um 37 Prozent höheres Risiko aufwiesen als Männer mit koffeinhaltigem Kaffee?

["For decaffeinated coffee intake, after comparing the highest category with lowest category, we found a 37% increased risk of ED (HR = 1.37; 95% CI = 1.08-1.73) with a significant trend (Ptrend = 0.02). Stratified analyses showed an association among current smokers (Ptrend = 0.005)"] https://academic.oup.com/aje/article-abstract/doi/10.1093/aje/kwx304/4093018/Coffee-intake-and-incidence-of-erectile?redirectedFrom=fulltext

Entkoffeinierter Kaffeegenuss ist hochgradig assoziiert mit höher-gradiger Arteriosklerose, KHK, Herzrhythmusstörungen, entgleister Hypertonie, p-AVK, Diabetes mellitus, weil die Patienten bereits im Vorfeld bemerken, dass zu viel Koffein zu spezifischen Missempfindungen und Störungen führen kann: Eine bestehende erektilen Dysfunktion tritt dabei häufiger als in der Vergleichsgruppe auf.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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