Apotheker plus, 06.11.2009

Selbstmedikation in Wald und Flur

Schimpansen kennen Heilpflanzen gegen Würmer oder Durchfall, Kapuzineraffen und Vögel wissen, wie sie sich gegen Insekten schützen können. Das pharmakologische Wissen von Tieren erforscht die noch junge Wissenschaft der Zoopharmakognosie.

Von Ursula Armstrong

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Schimpansen wie auch Stare wissen, wie sie Pflanzen zur Gesundheitsvorsorge nutzen können.

Fotos: Ronnie Howard-, knirzporz-, Webgalerist©www.fotolia.de

Dies ist Aspilia, eine Heilpflanze der Schimpansen", sagt unser tansanischer Führer. Er ist Zoologe. "Schimpansen kennen viele Heilmittel und können sich selbst behandeln, wenn sie krank sind. Aspilia rudis setzen sie zum Beispiel gegen Würmer ein." Er zeigt eine dünne Pflanze mit pelzigen, stacheligen Blättern. Aspiliablätter gehören nicht zur normalen Nahrung der Menschenaffen, sie sind viel zu bitter und stachelig. Kranke Tiere jedoch pflücken die haarigen Blätter dieser wilden Sonnenblume. Sie falten sie mit den Lippen und schlucken die Blattpakete unzerkaut hinunter. Würmer im Darm bleiben dann in den Haaren der Blätter hängen und werden mit den Blättern ausgeschieden.

An haarigen Blättern bleiben Würmer im Magen hängen

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Stare verwenden zum Beispiel die Wilde Möhre, um ihre Nester milbenfrei zu machen.

Fotos: Ronnie Howard-, knirzporz-, Webgalerist©www.fotolia.de

Diese Beobachtung hat Professor Michael Huffmann von der Universität in Kyoto gemacht, der seit den 80-er Jahren im Mahale Mountains National Park in Tansania Schimpansen erforscht. Er hat in den ausgeschiedenen Blattpaketen zum Beispiel den bis zu drei Zentimeter langen Fadenwurm Oesophagostomum stephanostomum gefunden. Für den gezielten medizinischen Einsatz der Pflanze spricht auch, dass die Schimpansen die haarigen Blätter vor allem nach dem Einsetzen der Regenzeit schlucken, wenn die Infektionsgefahr mit Parasiten besonders groß ist.

Huffmann ist ein Pionier der noch relativ jungen Zoopharmakognosie, die sich mit dem instinktiven und gelernten pharmakologischen Wissen von Tieren beschäftigt. Er hat zum Beispiel beobachtet, dass Schimpansen auch eine Medizin gegen Durchfall haben: das Mark des Mjonso- oder Bitterblatt-Baums (Vernonia amygdalina), einer Scheinastern-Art. Normalerweise meiden die Tiere diesen Baum, denn Blätter und Rinde sind bitter und giftig. Doch wenn sie Durchfall haben, lutschen Schimpansen das Mark aus den Zweigen und kauen die Blätter, ohne sie jedoch zu schlucken. Einen Tag später geht es den Tieren dann wieder gut. Pflanzenbiochemiker haben die Inhaltsstoffe des Baumes analysiert und 13 zuvor unbekannte Steroidglykoside mit antibakteriellen und antiparasitären Eigenschaften gefunden.

Über 30 Pflanzen-Arten sind inzwischen dokumentiert, die Schimpansen, Bonobos und Gorillas als Heilpflanzen benutzen. Auch von ihren asiatischen Vettern, den Orang-Utans, ist ein gezielter medizinischer Einsatz von Pflanzen bekannt.

Andere Tiere kennen sich mit natürlichem Insektenschutz gut aus. So pflücken Kapuzineraffen in Venezuela während der Regenzeit Blätter von Clematis-, Zitrus- und Pfeffer-Pflanzen, die insektenabweisende Stoffe enthalten. Sie zerkauen die Blätter und reiben ihr Fell mit dem Speichelbrei ein. Doch nicht nur das: Sie sammeln bestimmte Tausendfüßer - den bis zu acht Zentimeter langen Orthoporus dorsovittatus. Die schlagen, kneten, quetschen und zerkauen sie, damit sie Benzochinon, ein sehr potentes Insektengift, ausscheiden. Dann wird das Fell eingerieben.

Wilde Möhre im Nest vertreibt lästige Milben

Auch Vögel betreiben Insektenschutz. Von über 200 Vogelarten ist bekannt, dass sie sich Ameisen ins Gefieder reiben. Manche Vögel legen sich sogar mit ausgebreiteten Flügeln auf einen Ameisenhaufen. Die Dämpfe der zur Verteidigung ausgeschiedenen Ameisensäure töten Läuse und Federmilben im Gefieder ab. Europäische Stare legen ihre Nester mit frischen Kräutern aus. Darunter ist die wilde Möhre (Daucus carota). Die enthält das Steroid B-Sistosterol, das Milben abweist. Versuche haben ergeben, dass eine Brut in dergestalt aromatisierten Nestern viel weniger von Milben und Läusen befallen ist. Von Elefanten oder Papageien wiederum ist bekannt, dass sie regelmäßig Lehm fressen. Lehm bindet Toxine, Bakterien und Viren, schützt die Darmwand und absorbiert Flüssigkeit, was bei Diarrhö hilft.

"Menschen können viel von den Tieren lernen", davon ist unser afrikanischer Führer überzeugt. Vielfach werden die von den Tieren benutzten Pflanzen bereits von Menschen in den entsprechenden Regionen angewendet - meist mit den gleichen Indikationen. So benützen zum Beispiel die Tongwe, die in der Gegend der Mahale Mountains in Tansania leben, wie die Schimpansen Blätter des Mjonso-Baums gegen Durchfall. Allerdings kochen sie sie ab. Auch was die Vögel vormachen, machen Menschen nach: Die wilde Möhre wird in der traditionellen Medizin gegen chronischen Juckreiz eingesetzt.

Wissenswert

Auch unsere Haustiere können sich teilweise selbst behandeln. Hunde fressen zum Beispiel Gras, um ihre Verdauung zu regulieren. Das erleichtert ihnen außerdem das Erbrechen von Knochenresten. Katzen scheint Gras dabei zu helfen, die bei der Fellpflege verschluckten Haarballen zu erbrechen. Zudem nehmen sie darüber vermutlich auch Stoffe wie Folsäure auf, die die fleischliche Kost nicht liefert. (ug)

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