Ärzte Zeitung online, 20.11.2013
 

Diabetologen fordern

Steuer auf Chips und Schokolade!

Um zu verhindern, dass immer mehr Deutsche übergewichtig werden oder an Diabetes erkranken, fordert die Deutsche Diabetes Gesellschaft eine Kaloriensteuer - für Kartoffelchips, Schokoriegel und viele Arten von Fastfood.

Steuer auf Chips und Schokolade!

Kartoffelchips essen sollte teurer werden, fordern Diabetologen.

© teutopress / imago

BERLIN. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) begrüßt Überlegungen im Rahmen der Koalitionsverhandlungen von CDU und SPD, künftig eine Steuer auf besonders kalorienreiche Lebensmittel zu erheben.

"Dies wäre ein bedeutender Schritt, um Primärprävention bevölkerungsweit und nachhaltig in Deutschland einzuführen", heißt es in einem Brief der DDG an die Verhandlungsführer beider Parteien im Ausschuss Gesundheit, Jens Spahn und Karl Lauterbach.

Die Fachgesellschaft schlägt in einer Pressemitteilung gleichzeitig vor, gesunde Lebensmittel steuerlich zu entlasten. Die Kaloriensteuer soll helfen, Ernährungsgewohnheiten zu verändern und Übergewicht zu bekämpfen. Übergewicht ist eine der Ursachen für Diabetes mellitus.

"Effektive Strategie gegen Volkskrankheiten"

Mit der Kaloriensteuer "hätten wir endlich eine effektive Strategie gegen das weitere Ansteigen der Volkskrankheiten wie Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen", betont DDG-Präsident, Privatdozent Erhard Siegel, in der Mitteilung. Der bloße Appell an individuelle Verhaltensänderungen sei nachweislich gescheitert.

Deutliche Preissignale hingegen seien wirksam, wie die Anti-Raucher-Kampagne zeigt. "Der Anteil der Jugendlichen zwischen zwölf und siebzehn Jahren, der zur Zigarette greift, hat sich in den letzten zehn Jahren halbiert", stellt DDG Geschäftsführer Dr. Dietrich Garlichs fest.

Auch die Alkopops, die sehr rasch mit einer Steuer belegt wurden, seien vom Markt fast verschwunden.

Die Kaloriensteuer sollte nach Ansicht der DDG daher unbedingt in den Koalitionsvertrag aufgenommen werden. Sie wäre ein Durchbruch für eine stärkere Verhältnisprävention in Deutschland, wie sie auf internationaler Ebene seit Jahren gefordert wird.

Wichtig für die politische Durchsetzung sei es, den Vorwurf zu entkräften, mit den zusätzlichen Mitteln in erster Linie die Staatskassen füllen zu wollen. "Dies gelingt der Politik sicherlich am besten, wenn gesunde Lebensmittel in gleichem Ausmaß steuerlich entlastet werden", meinen DDG Präsident und DDG Geschäftsführer.

Dieser Schritt würde das Gesundheitssystem mittelfristig zusätzlich entlasten. Das wiederum sei gerade auch im Interesse derjenigen, die auf eine gute medizinische Versorgung angewiesen sind.

"Halber Mehrwertsteuersatz auf hochkalorische Produkte"

Konkret hatten die Gesundheitsexperten Edgar Franke (SPD) und Erwin Rüddel (CDU) gefordert, den halben Mehrwertsteuersatz auf alle Lebensmittel aufzuschlagen, die mehr als 275 Kalorien je 100 Gramm haben. Für Grundnahrungsmittel liegt der Mehrwertsteuersatz bei sieben, für Getränke und zubereitete Speisen bei 19 Prozent.

Von einem solchen Steueraufschlag wären beispielsweise Nuss-Nougat-Creme, Kartoffelchips, Schokoriegel und viele Arten von Fastfood betroffen.

Sinnvoll wäre nach Ansicht der DDG eine Kombination der Kaloriensteuer mit einer Zucker- und Fettsteuer, die beispielsweise auch stark zuckerhaltige Softdrinks erfassen würde.

"Zucker-Fettsteuern" gibt es bereits in Frankreich, Finnland, Ungarn und Mexiko. Weitere Länder diskutieren deren Einführung. Dem Ernährungsbericht der Bundesregierung zufolge leiden in Deutschland 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen an Übergewicht.

Fettleibigkeit ist ein Risikofaktor für viele Erkrankungen, darunter auch Diabetes mellitus. In Deutschland leiden über sechs Millionen Menschen an Diabetes - jedes Jahr kommen etwa 250.000 hinzu. (eb)

[21.11.2013, 12:38:08]
Dr. Christoph Luyken 
Zucker ist das Hauptproblem
Wenngleich sich viele Menschen zu hochkalorisch ernähren, ist eine Steuer, die sich am Kalorien- oder Fettgehalt einer Nahrung bemißt, weder durchsetzbar noch praktikabel. Außerdem dürfte jedem Menschen klar sein, daß ein Zusammenhang zwischen Fett im Essen und Fett am Bauch besteht. Hier genügt eine konsequent durchgesetzte Kennzeichnungspflicht
Anders ist das bei Kohlehydraten, speziell beim Zucker. Aufgrund seiner vielfältiger Wirkungen im Organismus und des nachgewiesenen Suchtpotentials wird er nicht umsonst von Experen zunehmend nicht (nur) als Kalorienträger, sondern als Gift gebrandmarkt.
Eine Zuckersteuer auf allen bei der Lebensmittel- Genußmittel- und Getränkeherstellung verwendeten Zucker wäre relativ leicht zu erheben und brächte bei einer Quote von 3 Euro pro Kilogramm nach meiner Berechnung etwa 9,027 Milliarden Euro in die Staatskasse. Selbst wenn die damit beabsichtigte Verminderung des Zuckerverbrauchs einträte, bliebe immer noch viel Geld übrig, das in die Prävention und ins Gesundheitswesen gesteckt werden muß. zum Beitrag »
[20.11.2013, 21:20:42]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Zu kurz gesprungen?
Bereits im März dieses Jahres wollten die Diabetes-Verbände wesentliche Ursachen der "Zuckerkrankheit" Diabetes mellitus zum Wahlkampfthema machen. Die nächste Regierung solle Steuern auf Fett und Zucker erheben, täglichen Schulsport fördern, verständliche Nährwert-Kennzeichnungen schaffen und ein Werbeverbot für Übergewicht fördernde Lebensmittel durchsetzen, wurde verlangt. DER SPIEGEL berichtete dazu in seiner Ausgabe 10/2013 mit dem Titel: "DIE MENSCHENMÄSTER - mit viel Fett, Salz und Zucker macht die Lebensmittelindustrie ihre Produkte attraktiv und ihre Kunden süchtig..."
http://www.spiegel.de/spiegel/

Jetzt bestehen tatsächlich Überlegungen, im Rahmen der Koalitionsverhandlungen von CDU und SPD zukünftig eine Steuer auf besonders kalorienreiche Lebensmittel zu erheben. Doch diese Steuer hätte überhaupt keine Steuerungswirkung und würde zu ernsthaften Forderungen der Gewerkschaften führen, den Mindestlohn zu erhöhen.

Gesundheits f ö r d e r n d e Effekte entstünden aber in der Tat nur dann, wenn diese Extra-Steuer, ebenso wie die für Benzin, Diesel, Alkohol- und Tabakprodukte mit einem um 5 Prozent jährlich bis auf 25 Prozent steigenden Anteil zur Entlastung der Krankenversicherungen beitragen würde. Damit die Folgen von Alkohol(-miss)brauch, Sucht und Abhängigkeit, Rauchen, Fettsucht und Überernährung bzw. Unfälle im gesamten Verkehrs- und Transportwesen nicht alleine von den Krankenversicherungs-Beiträgen finanziert werden müssten. Während "Vater Staat" zusätzlich noch die Hand aufhält, um bei alledem noch die Mehrwertsteuer z u s ä t z l i c h zu kassieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[20.11.2013, 09:26:58]
Iris Flöhrmann 
Wer bestimmt was gesunde und ungesunde Lebensmittel sind?
Mal davon abgesehen, daß der Vorschlag einen Tag in der Kantine auf Fleisch zu verzichten schon gewaltig nach hinten los ging...
Wenn es so einfach wäre:
Ich esse Chips und dann nehme ich zu oder bekomme Diabetes.
Esse ich keine -dann passiert das nicht!
Da kann man sich schon ganz schön wundern über die einfach gestrickte Einsicht von Institutionen und manchem "Experten".
Irgendwie blenden sie aus, daß Übergewicht auch entsehen kann, wenn man keine Chips ist
oder umgekehrt es auch Konsumenten von Chips und Nutella gibt, die ganz normalgewichtig sind.
Die Fettsteuer in Dänemark wurde im übrigen wegen Effektlosikeit wieder aufgegeben...
Ich muss allerdings schon ziemlich schmunzeln, wenn ich mir die Umsetzung praktisch vorstelle:
In dem Beitrag heißt es, daß der Zuschlag auf alle Lebensmittel zukommt, die pro 100g 275 Kcal und mehr haben:
Wie sieht es da mit Nüssen aus?
100g zwischen 550-700 Kcal ?
Wegen ihrer herzgesunden Wirkung (Omega-FS) angepriesen...
100ml Raps-oder Olivenöl ca. 870-880 Kcal
Sollten wir davon nicht täglich etwas nehmen?
100g Frischkäse Doppelrahmstufe ca. 335 Kcal ?
100g Vollkornnudeln roh -320 Kcal?

aber BIG-Mac 100g 231 Kcal !!

Hat sich schon mal gefragt, warum Ernährungswissenschaftler, Diätassistenten und Ökotrophologen oder die DGE so etwas noch nie gefordert haben?

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[20.11.2013, 07:18:57]
Dr. Günther Jonitz 
Immer wieder richtig, aber schwer umsetzbar
Die UOI-Studie vom August 1998 hatte - nachdem sie die hohe Politik erreicht hatte - bereits zur zweckgebundenen Erhöhung der Tabaksteuer geführt (Gemeinschaftsaktion von Ulla Schmidt und Birgit Fischer, damals NRW). Das Geld floss gemäß dem Verursacherprinzipzu den Kassen. Irgendawann stoppte der Finanzminister diesen Geldfluss und steckte das Geld lieber selbst ein.
Die methodisch-politische Grundlage findet man immer noch unter www.der-rote-punkt.de (inkl. Quellenangabe der UPI Studie).
Dank an Dr. Dr. Klaus U Schendel, Kieferorthopäde, der das Thema damals, vor kanpp zehn Jahren, salonfähig gemacht hat.

Irgendwann wird man auch hier begreifen, dass auch bei den "non-communicable diseases" Geld das Erziehungsmittel ist. zum Beitrag »

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