Ärzte Zeitung, 18.11.2016
 

Discount-Bestattung

Geiz am Grab

Lange galt die Branche als krisensicher: Doch die Goldenen Zeiten für Bestatter sind vorbei. Viele Kunden wollen ihre Liebsten heute möglichst preiswert zur letzten Ruhe geleiten.

Von Andreas Heimann

Geiz am Grab

So wild romantisch sehen Gräber heute immer seltener aus. Im Gegenteil: In der Bestattungsbranche herrscht ein eiskalter Wettbewerb.

BERLIN. "Gestorben wird immer", heißt es. Und das stimmt ja auch. In der Branche der Bestatter war damit lange die Gewissheit verbunden, dass ihr Handwerk goldenen Boden habe. Aber das ist vorbei.

Ein fünfstelliger Betrag für eine Beerdigung erscheint vielen zu teuer. Immer öfter heißt auch bei der Beerdigung das Motto "Geiz ist geil". Der Trend geht weg vom Familiengrab mit aufwändig gestaltetem Marmorgrabstein und hin zum anonymen Urnengrab.

"Ruhe sanft – und günstig"

Die Dokumentation "Ruhe sanft – und günstig" von Ralf Bonsels zeigt, was das für die Bestatter bedeutet, die immer mehr unter Druck geraten. Zu sehen ist sie an diesem Freitag (18. November) um 21 Uhr auf 3sat.

Der Friedhof Ohlsdorf in Hamburg wirkt wie ein Englischer Landschaftsgarten mit viel Grün und verschlungenen Wegen. Aber er hat ein massives Platzproblem. Nicht dass es eng würde...

Im Gegenteil: Es gibt zu viel Platz. Er ist so groß wie 400 Fußballfelder, aber es werden immer weniger neue Gräber benötigt, vier Trauerkapellen haben schon dichtgemacht.

Mehr und mehr wollen keine großen Trauerkundgebungen

Immer mehr Angehörige verzichten auf traditionelle Trauerzeremonien, immer mehr Menschen wollen nicht mehr klassisch begraben werden, immer mehr lassen sich verbrennen. Auf dem Friedhof in Ohlsdorf gibt es deshalb auch immer mehr freie Flächen, die nicht für Begräbnisse genutzt werden.

Und das ist kein Spezialproblem in Ohlsdorf, sondern auf vielen der rund 32.000 Friedhöfen in Deutschland ähnlich.

Für die Filmemacher der Doku ist das nicht nur Statistik, sondern Hinweis auf einen tiefgreifenden Kulturwandel. Der zeigt sich auch im Krematorium Berlin. Feuerbestattungen sind in Großstädten wie Hamburg und Berlin nichts Neues. Aber auch hier wird die Konkurrenz immer härter. Ralf Bonsels sieht die Krematorien in einer Rabattschlacht um die Bestatter.

Der Discount-Bestatter

Die entscheidende Frage lautet, wer verbrennt die Leichen am billigsten? Und dabei geht es längst nicht mehr nur um Krematorien in Deutschland. Bestatter, die vor allem günstig sein wollen, lassen die Toten zum Beispiel in Tschechien einäschern.

Auch Särge werden längst in großem Stil aus Osteuropa importiert, weil das deutlich günstiger ist.

Rund 4000 Bestatter gibt es in Deutschland, oft sind es Familienbetriebe. Einige setzen mittlerweile bewusst auf die preisbewusste Klientel, die für eine Bestattung möglichst wenig Geld ausgeben will.

Internationaler Wettbewerb entbrannt

Hartmut Woite gehört dazu, ein Discount-Bestatter. Bei den Kollegen in Berlin sei er nicht gerade beliebt, räumt er ein.

Aber sein Geschäftsmodell funktioniert. Er kauft Särge preiswert in großen Mengen ein, nutzt preiswerte Krematorien jenseits der deutschen Grenze und bietet auf diese Weise Preise, mit denen seine Konkurrenten nicht mithalten können.

Und Berlin ist ein brutaler Markt für Bestatter, nirgends in Deutschland gibt es pro Einwohner so viele wie in der Hauptstadt.

Gespart wird aber auch anderswo. Statt großem Marmorstein, der schnell mehr als 10.000 Euro kostet, entscheiden sich viele Angehörige heute für die Variante schlichter Findling, die für einige hundert Euro zu haben ist. Für Steinmetzbetriebe ist das hart. Auch Bestatter müssen sich immer mehr einfallen lassen. Nicht nur, was die Bestattungsformen angeht: Urnengräber oder Baumgräber sind schon lange Standard.

Friedwälder, bei denen die Toten in kompostierbaren Urnen bestattet werden, sind im Trend. Unter einem Baum – Kostenpunkt etwa 4000 bis 5000 Euro – findet rund ein Dutzend Urnen Platz. Kein Grabstein, keine Grabpflege – auch hier lässt sich viel Geld sparen.

Spezialisten für Trauerarbeit

David Roth, ein Bestatter in Bergisch Gladbach, macht auf einem privaten Friedhof vieles möglich, was Friedhofsordnungen anderswo nicht zulassen würden. Hier dürfen Angehörige Gräber ganz nach ihrem Geschmack gestalten, bunt und ausgefallen, wenn ihnen danach ist und dem Toten eine Gitarre aufs Grab stellen, um an sein Lieblingsinstrument erinnern.

Roth setzt auch auf neue Formen der Trauerbewältigung: Er bietet Lesungen, Kochkurse und Konzerte für solche Trauernde an, denen ein anonymes Urnengrab nicht genug ist.

Mit dem klassischen Bestattungshandwerk hat das nur wenig zu tun. Aber es wird einem Bedürfnis nach zeitgemäßen Alternativen gerecht, sich damit auseinanderzusetzen, dass ein Angehöriger gestorben ist. (dpa)

[18.11.2016, 12:04:37]
Claus F. Dieterle 
Viel wichtiger!
Die Aussage von Danny Kaye: ""Manche Menschen geben Geld aus, das sie nicht haben, für Dinge, die sie nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die sie nicht mögen." gilt manchmal auch für die Beerdigung. Eine teure Beerdigung hilft den Verstorbenen aber nicht mehr. Viel wichtiger ist es, wo sie die Ewigkeit zubringen werden. zum Beitrag »

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