Ärzte Zeitung online, 07.04.2017
 

Traumatisierte Kinder

Zentrum in Hamburg droht das Aus

Nur noch bis Sommer reichen die Mittel des Therapiezentrums Ankerland. Die Einrichtung passt nicht in die Finanzierungsschablone von Kassen und Behörden. Denn auf dem Papier gibt es keinen zusätzlichen Behandlungsbedarf.

Von Dirk Schnack

Zentrum in Hamburg droht das Aus

Der Ankerland-Gründer und ärztliche Leiter Dr. Andreas Krüger ringt um die Finanzierung seiner Einrichtung.

© Ankerland

Hamburg. Vor einem Jahr eröffnet, vor einem halben Jahr mit dem Hamburger Kinderschutzpreis "Heldenherz" ausgezeichnet – nun droht einem ambulanten Behandlungszentrum für traumatisierte Kinder und Jugendliche in Hamburg das Aus, weil die Finanzierung nicht gesichert ist.

Pro Quartal werden 50 bis 60 Kinder im Therapiezentrum Ankerland behandelt. Es sind Kinder, die durch Gewalt, Terror, Katastrophen oder den Tod eines nahestehenden Menschen traumatisiert sind. Ankerland bietet ihnen in einem frühen Stadium einen "familiären Schutzraum ohne sterile Krankenhausatmosphäre" .

Hilfe durch interdisziplinäres Team

Außer Ärzten und Psychotherapeuten kümmern sich Physiotherapeuten, Musik- und Kunsttherapeuten um die Kinder. Der jüngste Patient ist derzeit fünf Jahre alt, die älteste 20 Jahre. Ein Viertel der Patienten haben ihr Trauma aus Krisen- und Kriegsgebieten. Wöchentlich gehen rund zehn Anfragen nach Therapieplätzen ein.

Der Ankerland-Gründer und ärztliche Leiter Dr. Andreas Krüger will erreichen, dass die Entwicklung dieser Kinder nicht durch unbehandelte chronisch-komplexe Traumafolgen beeinflusst wird – denn ohne Behandlung drohen Folgen wie psychischer Stress, Drogenkonsum oder Suizid. Ob die Behandlung künftig aber überhaupt noch möglich sein wird, ist offen – die Arbeit der Einrichtung wird bislang aus einmaligen Zuschüssen und Spenden finanziert.

Pro Patient fallen laut Ankerland im Durchschnitt rund 7500 Euro Therapiekosten in der Einrichtung an. Die aus Fundraising aufgebrachten Mittel zur Finanzierung der Personal- und Betriebsmittel reichen aber nur noch bis zum Sommer. Gespräche mit Krankenkassen und der Fachbehörde haben bislang zu keinen finanziellen Zusagen geführt. Begründung: Es bestehe kein besonderer Versorgungsbedarf – die traumatisierten Kinder und Jugendlichen könnten durch die bestehende Versorgungslandschaft aus Krankenhäusern und niedergelassenen Therapeuten behandelt werden. Krüger sieht darin eine "Finanzierungsschablone", der seine Einrichtung nun zum Opfer zu fallen scheint, obwohl der Bedarf nach seiner Ansicht vorhanden ist.

"Das System in Hamburg ist an seinen Grenzen im Hinblick auf Behandlungsplätze, Zeit, Budget und das traumapsychologische Fachwissen", sagt er. Die Wartezeiten auf einen stationären Behandlungsplatz seien zu lang, außerdem werde das Kind damit aus seiner gewohnten Umgebung gerissen und "in eine nicht sinnvolle soziale Isolation gebracht".

Aufbau und Arbeit des Therapiezentrums wurden in der Vergangenheit mit einmaligen Zuschüssen aus verschiedenen Fonds der Hamburgischen Bürgerschaft unterstützt. Auch hat die Einrichtung in der Hansestadt einige prominente Fürsprecher wie etwa Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit oder Barmer-Chef Frank Liedtke, dessen Kasse mehrfach zu Spenden für die Einrichtung aufgerufen hat.

Sonderbedarf für Flüchtlinge prüfen

Der Kassenmanager sieht eine Hürde für eine dauerhafte Finanzierung der Ankerland-Arbeit in den Hamburger Bedarfsplanungsrichtlinien, wonach es im Bereich der Psychotherapie formal sogar eine Überversorgung gibt.

"Erschwerend kommt hinzu, dass die vom Ankerland als elementar angesehene Kunst- und Musiktherapie nicht in den Psychotherapierichtlinien vorgesehen ist", sagte Liedtke auf Anfrage der "Ärzte Zeitung". Nach seiner Ansicht sollte geprüft werden, ob ein Antrag auf Sonderbedarf für die Versorgung von Flüchtlingen Erfolg haben könnte. Ohne gesicherte Finanzierung wird das Haus auf private Spender angewiesen bleiben – ob das ein langfristiges Bestehen erlaubt, ist fraglich.

Verein Ankerland

Im Jahr 2008 hat der Verein Ankerland begonnen, sich für traumatisierte Kinder einzusetzen, unter anderem mit einem Info-Telefon, das Therapiemöglichkeiten nennt.

2011 hat Ankerland erstmals die Trauma-Tage in der Hansestadt veranstaltet – eine Informations- und Diskussionsplattform im Kinder- und Jugendbereich.

2016 wurde das Traumatherapiezentrum Ankerland gegründet, um eine multiprofessionelle Versorgung zu ermöglichen.

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