Ärzte Zeitung online, 22.06.2017
 

Gleichstellungsbericht

Frauen arbeiten öfter unbezahlt

Die Verdienstlücke zwischen den Geschlechtern ist groß. Das zeigt der zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. Frauen arbeiten häufig nicht nur in schlechter bezahlten Berufen, sondern investieren auch viel mehr Zeit in Familie und Ehrenamt.

Von Anne Zegelman

Frauen arbeiten öfter unbezahlt

Langt das Gehalt des Wunschberufs zum Leben? Eine Frage, die für die Wahl des Berufs maßgeblich ist.

© Michael Steigele/stock.adobe.com

BERLIN. Frauen leisten für Kinder, Haushalt, Pflege und Ehrenamt täglich über 50 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Das geht aus dem am Mittwoch vorgestellten zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung hervor. Demnach bringen Frauen pro Tag 87 Minuten mehr Zeit für unbezahlte Arbeit auf als Männer.

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei Belastung und Verdienst sind immer noch groß. Die Lohnlücke beim durchschnittlichen Bruttostundenverdienst beträgt 21 Prozent. Auch im Ruhestand ist die Lücke deutlich sichtbar: 2015 erhielten Frauen in Deutschland um 53 Prozent geringere Renten als Männer.

Die durchschnittliche monatliche Rente für Männer liegt im Westen bei 1014 Euro, im Osten bei 973 Euro. Frauen im Westen erhalten im Schnitt 583 Euro Rente, im Osten sind es 860 Euro.

Die große Differenz bei der Rente zwischen Frauen im Westen und Osten liegt in der durchschnittlichen Versicherungszeit begründet: Während Frauen im Westen durchschnittlich 30,1 Jahre in die Rente eingezahlt haben, haben Frauen im Osten 43,8 Jahre rentenversicherungspflichtig gearbeitet.

Stereotype Berufswahl

"Frauen gelangen in ihrer beruflichen Laufbahn sehr früh überwiegend in Tätigkeiten und Branchen mit durchschnittlich geringerer Einkommens- und Entwicklungsperspektive", heißt es im Bericht.

Grund dafür ist die häufig geschlechterstereotype Berufswahl. 3,4 Prozentpunkte des "Gender Pay Gap" (der geschlechterbedingten Lohnlücke) entstünden allein dadurch, dass Frauen in anderen Branchen tätig seien als Männer – häufig in sozialen Berufen – und dass in weiblich dominierten Branchen geringere Vergütungen gezahlt würden.

"Ich habe das noch nie verstanden, warum jemand, dem ich mein Kind oder meinen pflegebedürftigen Angehörigen anvertraue, so viel weniger verdient als jemand, dem ich mein Auto oder meine Waschmaschine anvertraue", sagte Familienministerin Katarina Barley (SPD) bei der Vorstellung des Berichts.

Befristung beeinflusst Babyplanung

Gerade Frauen werden am Anfang ihres Berufslebens besonders häufig befristet eingestellt. In den Branchen Erziehung und Unterricht waren 76 Prozent der Neueinstellungen befristet, in der öffentlichen Verwaltung 60 Prozent – beides sind Branchen, in denen Frauen überdurchschnittlich stark vertreten sind.

Das hat negative Folgen für die Familiengründung: "Frauen, die mit einem befristeten Vertrag in das Berufsleben einsteigen, neigen dazu, die Geburt eines ersten Kindes aufzuschieben", heißt es im Bericht. Werden Frauen schwanger, arbeiten viele nach der Geburt in Teilzeit weiter – mit den bekannt negativen Folgen für die Rente.

Pflege vergrößert die Lohnlücke

Dass auch die Pflege von Angehörigen zum Großteil von Frauen aus der Familie erledigt wird, ist ebenfalls ein bekannter Faktor in der Lohnlücke, der im Bericht mit aktuellen Zahlen untermauert wird: Von den im Dezember 2013 insgesamt 2,63 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland wurden 71 Prozent zu Hause gepflegt, drei Viertel der Hauptpflegepersonen waren dabei weiblich.

Die Frauenminister der Bundesländer forderten Mitte Juni in Weimar, Pflegezeiten bei der Altersrente in gleicher Weise zu honorieren wie Kindererziehungszeiten.

Der zweite Gleichstellungsbericht ist online verfügbar.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
'Weibliche Berufe': Motivation ist unbezahlbar!

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