Ärzte Zeitung, 19.07.2010

Gastbeitrag

Wo bleibt die evidenzbasierte Sachlichkeit in der aktuellen Homöopathie-Debatte?

Wirkt sie nun, oder wirkt sie nicht? Die aktuelle Diskussion über Homöopathie wird der alternativen Heilmethode nicht gerecht. Das zeigt eine Analyse der Thesen von Gegnern der Homöopathie.

Von Dr. Mirko Berger

Wo bleibt die evidenzbasierte Sachlichkeit in der aktuellen
Homöopathie-Debatte?

Große Diskussion um kleine Kügelchen: Vieles in der Debatte wird der Heilmethode aber nicht gerecht, sagt unsere Gastautor.

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In der Debatte über den therapeutischen Wert der homöopathischen Medizin fällt auf, dass die eingeforderte Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit häufig durch wenig fundierte und stark emotionsgeladene Argumente ersetzt werden. Wenn die Aussagen, die Karl Lauterbach in diesem Zusammenhang zugeschrieben werden, stimmen, dass homöopathische Ärzte ihre Patienten kollektiv täuschen und Wirkungsloses anbieten, nur weil das dem eigenen wirtschaftlichen Vorteil diene, sinkt die Diskussion auf Stammtischniveau. Es offenbaren sich allerdings auch die Schwierigkeiten, die sich bei der Beurteilung des therapeutischen Wertes von Medikamenten oder medizinischen Methoden auftun. Politiker und Journalisten sollten sich daher hüten, Erkenntnisse, um die wir Ärzte in der täglichen Arbeit mühevoll ringen, so einfach aus dem Ärmel zu schütteln. In der gebotenen Kürze werden die aktuell kursierenden Argumente gegen die homöopathische Medizin zusammengefasst und - aus homöopathischer Sicht - bewertet.

These 1: "Die homöopathische Medizin ist unwissenschaftlich."

Dieser pauschale Vorwurf ist sicher nicht haltbar, es besteht kein allgemeiner Konsens, wann eine medizinische Handlung "wissenschaftlich" begründet ist. Die evidenzbasierte Medizin (Ebm) und ihr Goldstandard, die placebokontrollierte randomisierte Doppelblindstudie (RCT) soll die Grundlage für rationale Entscheidungen bilden. Doch gerade aus dem Bereich der (Hoch-)Schulmedizin kommt grundsätzliche Kritik, ob dieser Studientyp die Erwartungen überhaupt erfüllen kann. Die methodischen Probleme dieser Studien sind hinlänglich bekannt. Wenn sich die Wirksamkeit eines Medikamentes zweifelsfrei aus einer RCT ergibt, warum existiert dann eine Flut von Gremien und Instituten, die den Nutzen und Schaden medizinischer Maßnahmen zusätzlich bewerten sollen? Letztlich steht der Beweis aus, dass die Ebm tatsächlich zu einer besseren Versorgung unserer Patienten führt. Auch die Realität spricht eine andere Sprache: Derzeit muss davon ausgegangen werden, dass allenfalls 20 bis 30 Prozent unserer täglichen medizinischen Handlungen tatsächlich evidenzbasiert sind.

These 2: "Die Homöopathie ist unwirksam."

Die wissenschaftliche Redlichkeit verlangt, vor einem Urteil die Vielzahl von Einzelstudien und Metaanalysen über die Wirksamkeit der Homöopathie zur Kenntnis zu nehmen und sorgfältig zu prüfen. Auch Studien mit Hochpotenzen zeigen signifikante Effekte, die deutlich über eine Placebo-Wirkung hinausgehen. Es ist sicher verfrüht, aus den vorliegenden Daten einen generellen "Beweis" für die Wirksamkeit der homöopathischen Medizin abzuleiten. Genauso ist es verfehlt, der Homöopathie eine bewiesene Nichtwirksamkeit zu unterstellen.

These 3: "Das Herstellungsverfahren homöopathischer Arzneien, die Potenzierung, ist nicht plausibel."

Bislang existiert kein plausibles Wirkmodell für die Frage, wie und warum die bei der Herstellung der Arzneien auftretenden Verdünnungen zu einem therapeutischen Effekt führen können. Aus dieser Tatsache ist jedoch nicht auf die Unwirksamkeit der Homöopathie zu schließen: Nur weil wir derzeit nicht wissen, wie etwas wirkt, bedeutet es noch lange nicht, dass es nicht wirkt. Die Medizingeschichte ist reich an ähnlichen Beispielen. Erinnern wir uns an Ignaz Semmelweis, der im 19. Jahrhundert das Auftreten von Kindbettfieber mit der Übertragung von - damals unbekannten - Erregern in Zusammenhang brachte und das Waschen der Hände bei Studenten, Ärzten und Pflegepersonal einforderte. Seine Erkenntnisse waren mit den damals geltenden Theorien über die Entstehung von Krankheiten unvereinbar, sie wurden als spekulativer Unfug und Zeitverschwendung abgetan. Heute wissen wir es besser!

These 4: "Homöopathie ist schädlich."

Dass homöopathische Arzneien keine relevanten Nebenwirkung auslösen, dürfte Konsens sein. Auch die vorgebrachte Behauptung, die Homöopathie sei eine schädliche Methode, weil adäquate Behandlungen unterbleiben, ist Unfug. Mir ist keine Erhebung bekannt, die diese Behauptung stützt. Ein Arzt, der eine falsche Diagnose stellt oder zugunsten der homöopathischen Therapie auf eine andere, lebensrettende Maßnahme verzichtet, hat einen Kunstfehler begangen. Dies gilt genauso für einen Chirurgen, der eine falsche Operationsindikation stellt oder dem ein anderer Fehler unterläuft. In keinem dieser Fälle kann das persönliche Versagen eines Arztes der Methode an sich angelastet werden.

These 5: "Die Homöopathie ist eine wirtschaftliche Belastung für unser Gesundheitssystem."

Die Ausgaben der gesetzlichen Kassen für Homöopathie liegen weit unter einem Prozent. Eine Erhebung des Berufsverbandes der homöopathischen Ärzte zeigt, dass homöopathische Kassenärzte ihr Budget für Arzneimittel nur etwas zu einem Drittel ausschöpfen. Mir persönlich hat sich bei der Behandlung die Frage nach einem entweder - oder, entweder "Schulmedizin" - oder Homöopathie, nie gestellt. Erstrebenswert scheint mir die verantwortungsvolle Integration der Methoden, ein sinnvoller Pluralismus: je nach vorliegender Erkrankung, je nach Zustand unseres Patienten, auch auf der Basis der eigenen Erfahrung - und der Präferenz des kranken Menschen.

Dr. Mirko Berger, Facharzt für Allgemeinmedizin und Anästhesie, Zusatzbezeichnung Homöopathie, ist in Hamburg als Kassenarzt niedergelassen.

Homöopathie: Lauterbach in SPD isoliert

In der Diskussion um Homöopathie als Kassenleistung hat sich die SPD-Fraktion von ihrem Gesundheitssprecher Karl Lauterbach distanziert. Dieser hatte dafür plädiert, dass die Kassen für Leistungen und Arzneimittel aus der Homöopathie grundsätzlich nicht mehr aufkommen sollten.

SPD-Fraktionsvize Elke Ferner stellte per Rundbrief an ihre Kollegen fest, dass die SPD keinesfalls verbieten wolle, dass Kassen für Homöopathie aufkommen. Man bekenne sich "ausdrücklich zu einem umfassenden Leistungskatalog" in der GKV, heißt es in dem der "Ärzte Zeitung" vorliegenden Rundschreiben. (hom)

Lesen Sie dazu auch: Der Standpunkt: Placebo gegen das Sommerloch

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