Ärzte Zeitung online, 13.12.2017

Nutzenbewertung neuer Medikamente

Kassen rücken beim Arztinfo-System von der Steuerung via Ampel ab

Nutzenbewertungen neuer Arzneimittel durch den GBA finden bei Ärzten bisher oft nur wenig Beachtung. Ein Arztinformationssystem soll das ändern. Der GKV-Spitzenverband hat dafür jetzt einen Prototypen präsentiert.

Von Philipp Grätzel von Grätz

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Nutzenberwertung neuer Arzneimittel durch GBA: Ein Arztinfo-System soll Ärzten helfen.

© daizuoxin / stock.adobe.com | Screenshot: KBV

BERLIN. Die Krankenkassen wollen mit dem geplanten Arztinfo-System nicht in die Therapieverantwortung der Vertragsärzte eingreifen. Das hat Dr. Antje Haas, Leiterin der Arzneimittelabteilung beim GKV-Spitzenverband, bei der Tagung Health 2017 von Handelsblatt/Euroforum angekündigt.

Das Arzneimittelversorgungsstärkungs-Gesetz, das der Bundestag im März beschlossen hat, sieht die Etablierung eines Arztinfo-System (AIS) vor. Dieses Info-Modul für die Praxis-EDV soll Ärzten kompakt einen Überblick über die Nutzenbewertungs-Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschusses bieten. Befragungen haben gezeigt, dass nur ein kleiner Teil der Ärzte die oft Dutzende von Seiten umfassenden GBA-Beschlüsse zur Kenntnis nimmt.

Zurzeit steht eine Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums noch aus, die Einzelheiten des AIS regeln soll. Im Vorfeld haben Ärzte- und Pharmaverbände befürchtet, Kassen könnten versuchen, über das AIS ein Ampelmodell zu etablieren, das steuernd in die Therapiewahl eingreift.

Doch Haas präsentierte jetzt erstmals einen Prototyp, der illustriert, wie sich der Spitzenverband das Vorgehen vorstellt – von einer Ampel war zumindest bei dem in Berlin präsentierten Prototyp nichts zu sehen: "Wir müssen mit den Vergleichstherapien arbeiten, und das lässt sich mit einer Ampel gar nicht umsetzen", so Haas.

Was passiert bzw. passieren könnte, illustrierte sie an einer Afatinib-Verordnung beim nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom (NSCLC). Der Arzt öffnet das Rezeptformular 16 und entscheidet sich, wie gehabt, für Präparat, Packungsgröße und gegebenenfalls Hersteller oder Importeur. Dann folgt ein Pop-up-Fenster, das zum einen eine Ultrakurzform des Zulassungstextes einblendet, zum anderen die existierenden GBA-Beschlüsse.

Diese können angeklickt werden, müssen aber nicht. Was der Arzt auf jeden Fall sieht, sind die unterschiedlichen Patientengruppen und Teilindikationen des GBA-Beschlusses und den jeweiligen Zusatznutzen. Im Falle von Afatinib beim NSCLC erfährt der Arzt, dass bei nicht vorbehandelten Patienten in gutem Allgemeinzustand mit EGFR-Mutation "Del 9" ein erheblicher Zusatznutzen ausgesprochen wurde, ein solcher dagegen bei Mutation "L 858R" nicht belegt ist.

In beiden Fällen werden unterschiedliche zweckmäßige Vergleichstherapien direkt ohne weiteren Klick mit angegeben. Die Vergleichstherapien, für die der Hersteller Studiendaten vorgelegt hat, sind farbig markiert, damit auf einen Blick klar ist, worauf sich das GBA-Urteil bezieht (und worauf nicht).

"Dieses eine Fenster ist nach unserer Vorstellung das einzige obligate Fenster, das dem Arzt immer präsentiert wird", so Haas. Weitere Informationen sind hinterlegt, erfordern aber, dass der Arzt sie aktiv anklickt. So informiert ein Klick auf "Zusatznutzen" über die Gründe für die Bewertung. Ein Klick auf "Wirtschaftlichkeitshinweise" bringt Infos über regionale oder bundesweite Preisvereinbarungen sowie über kassenindividuelle Verträge. Auch über "Therapiealternativen" soll der Arzt sich informieren können.

Haas äußerte sich zuversichtlich, dass ein so umgesetztes AIS letztlich dem Arzt sogar Arbeit abnehmen könnte. Es helfe, früher zu erkennen und besser zu dokumentieren, wenn er den GBA-Empfehlungen nicht entspricht. Letztlich werde das Konfliktfeld Wirtschaftlichkeitsprüfung dadurch entspannt.

Für die KV Niedersachsen betonte Vorstand Dr. Jörg Berling, dass eine gute IT-Umsetzung Schlüssel zum Erfolg des Moduls sei. Er erinnerte allerdings daran, dass der Arzt schon heute bei Verordnungen viel wegklicken müsse: "Mir wird dabei schon ein wenig angst und bange", so Berling, der auch daran erinnerte, dass die Finanzierung völlig unklar sei: "Wir befürchten, dass wir dafür zahlen müssen. Das gab es beim Medikationsplan schon einmal, und das werden wir nicht noch einmal mitmachen."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Keine Ampel für die EDV

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