Ärzte Zeitung online, 30.09.2019

Onkologie

Nutzenbewertung braucht ein Update

Die Krebstherapie wird immer individueller. Für die Patienten ist das positiv, da sich der Krebs laut Experten damit hin zu einer gut steuerbaren chronischen Erkrankung entwickelt. Aber: Die Nutzenbewertung und Erstattung über die GKV folgen dieser Entwicklung noch nicht.

Von Rebekka Höhl

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Krebszelle: Künftig wird die Therapie individueller.

© luismmolina / Getty Images

MÜNCHEN. Ist Krebs in 15 Jahren heilbar? Für Professor Dirk Jäger, Leiter der Abteilung Medizinische Onkologie am Uniklinikum Heidelberg ist das nicht nur zu plakativ, sondern schlicht die falsche Frage. „Niemand fragt danach, Diabetes heilen zu müssen“, sagte er beim Europäischen Gesundheitskongress in München.

Die Medizin werde Krebs, ähnlich wie Diabetes langfristig eher in eine chronische Kontrollfunktion bringen. Dabei müsse allerdings ein Umdenken nicht nur bei den Fachgesellschaften, sondern auch bei den Krankenkassen stattfinden: Die Onkologie werde – „hoffentlich“ wie Jäger hinzufügte – künftig davon wegkommen, Patienten mit der gleichen Erkrankung eine Standardtherapie verabreichen zu wollen.

„Wir haben Nachholbedarf!“

Denn bisher nehme man hin, dass diese – je nach Krebsart zu einem hohen Prozentsatz – gar nicht anschlage. „Wir haben nach wie vor viele Tumore, bei denen die Überlebenprognose schlecht ist“, so Jäger. „Hier haben wir Nachholbedarf!“

Die Lösung sieht Jäger in der patientenzentrierten Medizin, die jede Tumorentität als eigene Erkrankung erfasst. „Wenn wir uns die Forschung anschauen, dann geht die Reise dahin, dass wir für jeden Patienten seine eigene zellbasierte Therapie bauen“, prognostizierte Jäger.

Bestes Beispiel sei die CAR-T-Zelltherapie. Sie habe bereits bei Kindern mit akuter Leukämie, die nach Standardtherapie als nicht heilbar galten, zu einer Überlebensrate von 80 Prozent geführt. Bei Erwachsenen liege die Überlebensrate zwar niedriger, aber immerhin auch noch bei 50 Prozent. „Man baut hier T-Zellen, die wie Antikörper reagieren“, versuchte Jäger, die komplizierte zellbasierte Therapie laienverständlich zu erklären.

„Wir müssen sehen, dass wir die Patienten als Individuum wahrnehmen“, sagte er. Dann könne auch das Gesundheitssystem wirtschaftlich profitieren: „Wir geben eine extreme Zahl an nicht-wirksamen Medikamenten in die Patienten. Wenn wir mit unserer Therapie präziser werden, darf sie am Anfang ruhig teuerer sein“, so Jäger. Am Ende spare das Gesundheitssystem viel – betrachtet man neben der Therapie auch rehabilitative Folgekosten.

Weg von altem Studien-Denken

Doch das Erstattungssystem in der gesetzlichen Krankenversicherung tut sich noch schwer mit solchen individuellen Therapien. „Hier bekommen wir keine hochrandomisierten Studien hin“, sagte Dr. Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft. Es brauche einen neuen methodischen Ansatz. „Das Leistungsrecht muss sich hier der Entwicklung anpassen“, forderte er.

Es könne nicht sein, dass solche neuen, patientenzentrierten Therapien nur einmal im Jahr über das NUB-Verfahren (Neue Untersuchungs-und-Behandlungsmethoden) eine Chance bekämen.

Dabei lehnen die Kassen solche neuen Therapien nicht grundsätzlich ab, wie Dr. Sabine Richard, Geschäftsführerin Versorgung beim AOK-Bundesverband, klarstellte. Allerdings sei die Onkologie ein Feld, in dem die AOK die Kostenentwicklung mit Interesse und einem stückweit Besorgnis verfolge.

„Die Preise haben sich bei den Markteinführungen in den letzten Jahren in großen Sprüngen nach oben bewegt.“ Auch bei der Verordnung von Orphan-Arzneien seien Onkologika mit führend, berichtete Richard.

„Die Hürden, hierüber auf den Markt zu kommen, sind niedriger, daher muss man die Frage stellen, ob das Orphan-Privileg immer berechtigt ist.“ Die AOK spreche sich dafür aus, die Nutzenbewertung hier zu intensivieren.

„Mehr in Prozessen denken“

Doch wird das den neuen Therapien gerecht? „Wir werden mehr in Prozessen denken müssen“, sagte Bruns. Dem pflichtete Jäger bei: „Wir werden eine ganz andere Rollenverteilung im Markt sehen.“ Für die individuelle Therapie-Entwicklung sei Patientennähe erforderlich, damit tue sich „Big Pharma“ alleine schwer, sagte er. Die akademischen Zweige würden stärker in die Produktentwicklung mit einsteigen müssen.

Auch Richard sieht den Handlungsbedarf. Die Kasse wolle kein Bremser sein, dennoch seien in einem solidarisch finanzierten System die Mittel begrenzt.

„Wir würden als AOK gerne die Frage stellen, ob wir gesellschaftlich bereits sind, für solche therapeutischen Verfahren zu zahlen. Und wenn kein Zusatznutzen vorhanden ist, dann müssen wir etwas anderes für die Bewertung finden.“

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