Ärzte Zeitung, 15.07.2010
 

Ein Herzzentrum im Herzen der Provinz

Intensive kardiologische Behandlungsmöglichkeiten gibt es fast nur in Großstädten. Ein Gegenbeispiel ist die sächsische Stadt Riesa. Dort wurde eine Versorgungslücke geschlossen. Laut Chefarzt war das "bitter nötig".

Von Thomas Trappe

Ein Herzzentrum im Herzen der Provinz

Das Elblandklinikum Riesa verfügt über ein eigenes Herzzentrum.

© M. Mitterer

RIESA. Im Vergleich zu Leipzig und Dresden ist der Ansturm bescheiden. Rund 100 Patienten pro Monat, schätzt Chefarzt Dr. Klaus-Werner Diederich, kämen zur Behandlung in das Riesaer Herzkatheterlabor mit interventioneller Kardiologie, in Leipzig sei es um ein vielfaches mehr.

Der Kardiologe arbeitet seit August 2009 in dem vor einem Jahr eröffneten Zentrum des örtlichen Elblandklinikums, und ist trotz der überschaubaren Quoten sicher, dass die Eröffnung "medizinisch bitter nötig" war und die Nachfrage steigen wird. Vor seiner Riesaer Zeit war er als Kardiologe in Leipzig tätig, kennt also den Versorgungsunterschied zwischen Stadt und Land recht gut.

Bis April 2009 gab es im Dreieck zwischen Leipzig, Dresden und Brandenburg nur in den beiden Großstädten jeweils einen Herzkatheterplatz. Riesa war die erste kleinere Stadt, die hinzu kam. In der Mittelstadt, die typisch für die meisten ostdeutschen Regionen wegen ihrer alternden Bevölkerung ist, sollte eine Versorgungslücke geschlossen werden. Bisher mussten Patienten aus Riesa und Umgebung mit kardiologischen Problemen nach Leipzig und Dresden fahren. Einige taten dies - viele aber eben nicht, meint der Kardiologe Diederich.

Viele Patienten meiden lange Anfahrtszeiten

Für Riesaer Patienten mit Herzproblemen sei das neue Zentrum deshalb ein großer Gewinn. Er spricht von der "Hemmschwelle", die viele Patienten hätten, wenn es um die Behandlung von Herzproblemen geht. Soll heißen, nicht wenige würden eine lange Fahrt zum nächsten Herzkatheterzentrum meiden und stattdessen auf konventionelle Methoden zurückgreifen, also die Behandlung mit Medikamenten. Nach dem Motto "nah bei mir" seien Patienten in der Regel bereit, rund 50 Kilometer zu fahren, darüber hinaus werde es kritisch. Auch viele Ärzte scheuten sich, ihre Patienten auf so eine lange Reise zu schicken.

Kardiologen für das Zentrum zu finden war schwierig

Dass sich die Investition - zwei Millionen Euro wurden für das Zentrum ausgegeben - auch künftig lohnen wird, davon ist auszugehen. Schließlich wird es in Riesa in absehbarer Zeit mehr alte Menschen geben, also auch einen höheren Bedarf an kardiologischen Untersuchungen. Und nicht nur die Überalterung, auch die tendenziell ungesünder werdende Ernährung bei vielen Menschen werde eher zu einer Mehrauslastung der Station führen. So werde es voraussichtlich stetig mehr Diabetiker geben, das gleiche gilt für Übergewichtige. "Auch das Rauchen kommt nicht aus der Mode", so Diederich. Alles Risikofaktoren, die den Gang zum Kardiologen wahrscheinlicher machen. Die potenziellen Patientengruppen seien gegenüber den Großstädten, wo es viele Jüngere hinzieht, sogar größer.

Die Versorgung in den ländlichen Gegenden ist wichtig, umso problematischer jedoch auch ihre Umsetzung. Laut Diederich gibt es nämlich erhebliche Probleme, geeignete Kardiologen für das Herzkatheterzentrum zu finden. In Riesa suchte man seit April des vergangenen Jahres einen dritten Kollegen. Seit Diederich vor fast einem Jahr anfing, habe er ganze drei Bewerbungen auf den Tisch bekommen. Für die wenigen qualifizierten Kardiologen sei es eben immer noch attraktiver, in den großen Städten zu arbeiten. Entsprechend hart müsse man in Riesa um Neuzugänge werben - was faktisch bedeutet, dass die kleineren Zentren gutem Personal mehr Geld bieten müssen.

Kleine Kliniken bieten "individuellere Ansprache"

Gerade habe man den dritten Kardiologen anwerben können, ab Oktober wäre dann endlich die lang ersehnte 24-Stunden-Versorgung möglich. Bis jetzt gibt es an sieben Tagen einen Zwölfstundendienst, ergänzt durch Kooperationen mit Dresden und Leipzig. Um wirklich eine optimale Versorgung bieten zu können, habe sich das Elblandklinikum auf die Suche nach einem vierten Kollegen gemacht.

"Trotz der Probleme habe ich aber keinen Zweifel, dass auch der vierte Kardiologe gefunden wird, der die Vorteile von anspruchsvoller Tätigkeit und relativ kleiner Stadt zu schätzen weiß", so Diederich.

Um landesweit eine optimale Versorgung auch in den ländlichen Regionen zu bieten, sollte Riesa nach Einschätzung des Chefarztes nicht die einzige Mittelstadt mit eigenem Herzzentrum bleiben. Zumal es in kleineren Kliniken wie der in Riesa auch eine "individuellere Ansprache" an die Patienten gebe.

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