Ärzte Zeitung online, 03.01.2018

Notfallversorgung

Auch die KV Berlin setzt auf Triage

Quo vadis, Notfallversorgung? Diese Frage steht bei der KV Berlin derzeit ganz oben auf der Agenda. Viel nachgedacht wird dort über ein neues Konzept, dabei wird bewusst auch Kritikern Gehör verschafft.

Von Julia Frisch

Auch dieKV Berlin setzt auf Triage

Auch bei ambulanten Fällen – für viele Patienten ist die Kliniknotaufnahme erste Anlaufstelle.

© picture alliance / dpa

BERLIN. Zum Jahresstart will sich die Vertreterversammlung der KV Berlin in Klausur begeben, um zwei Tage lang über die Neuausrichtung der Notfallversorgung zu diskutieren und sich mit Experten auszutauschen. In der Vergangenheit musste sich die KV immer wieder vorhalten lassen, dass es ihr nur mehr schlecht als recht gelingt, den Sicherstellungsauftrag in der ambulanten Notfallversorgung zu erfüllen.

Woran es hapert, wurde nicht nur im vergangenen Oktober auf der Landesgesundheitskonferenz von Klinik-, Patienten- und Politikvertretern vorgetragen (wir berichteten). Auch in der aktuellen Ausgabe des KV-Blattes, dessen Titelthema sich mit den Problemen und möglichen Zukunftsstrategien der Notfallversorgung befasst, ist nachzulesen, warum das Berliner System nach Meinung von Kritikern nicht so richtig funktioniert.

Patientenzahl nimmt stetig zu

Dass es nicht gut funktioniert, dafür werden in der Regel die Patientenzahlen in den Rettungsstellen als Beleg herangezogen. Die sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. 16.000 Patienten seien 2009 in der Notaufnahme ihrer Klinik behandelt worden, berichtete Dr. Rotraut Asche, Chefärztin am Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge, in einem Streitgespräch mit KV-Vizechef Dr. Burkhard Ruppert. In diesem Jahr werden es rund 25.000 Patienten sein.

Und die kommen nicht nur während der Zeiten, wenn die Vertragsarztpraxen geschlossen haben, sondern auch während der Praxisöffnungszeiten – und das, obwohl die KV in der Stadt einen rund um die Uhr fahrenden Bereitschaftsdienst betreibt und zu festen Zeiten auch eine Telefonberatung anbietet. Die Gründe für die Selbsteinweisung von Patienten in die Notaufnahmen sind vielfältig. Zum einen trage dazu sicher die hohe Krankenhausdichte in Berlin bei, da waren sich Asche und Ruppert einig. Zum anderen gibt es laut Asche in der Hauptstadt einen "Flickenteppich" an Versorgungsmöglichkeiten, der unübersichtlich und – wie der Ärztliche Bereitschaftsdienst – den Patienten "unzureichend" bekannt sei.

In dem KV-Blatt-Interview führte Dr. Rotraut Asche weitere Gründe an, die für ein Überlaufen der Rettungsstellen sorgen. "Die Vertragsärzte und auch der Ärztliche Bereitschaftsdienst der KV weisen bzw. verweisen ihre Patienten in die Notaufnahmen", so Rotraut Asche. Und: Rund "50 Prozent der Patienten haben uns auf Nachfrage mitgeteilt, dass sie keine vertragsärztliche Versorgung erreichen konnten bzw. von ihrem niedergelassenen Arzt wegen fehlender Kapazitäten abgewiesen wurden". Zudem würden offenbar Praxisvertretungen immer weniger geregelt. Vor allem von Mai bis September sei festzustellen, dass Niedergelassene während der Praxisschließzeiten "zunehmend an die Notaufnahmen der Krankenhäuser" verweisen, berichtete Asche.

Leitstelle soll Abhilfe schaffen

Wie könnte es gelingen, ambulant-sensitive Fälle von Rettungsstellen fernzuhalten? Darüber will die Vertreterversammlung Mitte Januar beraten. Das Ziel, das die KV vor Augen hat: Eine klare Patientenführung durch "die Schaffung einer intelligenten Leistelle, die in der Lage ist, dem Patienten (…) die medizinische sinnvollste Versorgungsmöglichkeit aufzuzeigen", so KV-Vize Ruppert. Weiterhin will die KV den Fokus auf die Schaffung von Notfallambulanzen in Kliniken legen, an die eine Portalpraxis angebunden ist und in der die Patientenaufnahme mit einem qualitätsgesicherten Triagesystem gemeinsam verantwortet erfolgt.

Aus Sicht der KV käme an rund zehn Standorten von KV und Kliniken gemeinsam geführte Portalpraxen/Rettungsstellen infrage. Sicher müsse darüber nachgedacht werden, wie Arbeitskapazitäten der Vertragsärzte so umgestellt werden können, dass eine Beteiligung an der ambulanten Notfallversorgung besser umgesetzt werden kann, sagte der KV-Vizechef.

Er reagierte damit auf Kritik, dass sich nach den Erfahrungen in der bisher einzigen von der KV betriebenen Portalpraxis am Unfallkrankenhaus die Sicherstellung der Dienstzeiten durch Vertragsärzte in den Notfallpraxen als problematisch erweisen würde. In Berlin gibt es weitere elf Portalpraxen, die aber ausschließlich mit Klinikpersonal besetzt sind.

Portalpraxen allein können nach Ansicht von Boris Velter, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Gesundheit, viele Probleme nicht lösen. "Sie sind nur außerhalb der Praxiszeiten geöffnet, entlasten die Notaufnahmen also nicht von den Patienten", schreibt er als Ko-Autor in einem Gastbeitrag für das KV-Blatt. Eine Verbesserung der ambulanten Notfallversorgung sei auch auf Hilfe durch den Gesetzgeber angewiesen. Die derzeitige Finanzierung führe dazu, dass weder KV noch Kliniken "Interesse an der Versorgung ambulanter Notfallpatienten haben". Außerdem seien sektorübergreifende Lösungen "eigentlich nur bundesweit umsetzbar".

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