Ärzte Zeitung online, 05.12.2018

Interview zu Ada-App und TK

„Diese Einmischung ist eine klare Grenzüberschreitung!“

Die Techniker Krankenkasse kooperiert mit dem Start-up „Ada“. Nach einem Symptomcheck bei „Ada“ bietet die Kasse Kontakt zum kasseneigenen Ärztezentrum an. Das bringt Hartmannbund-Chef Klaus Reinhardt auf die Palme.

Von Anno Fricke

„Diese Einmischung ist eine klare Grenzüberschreitung!“

Dr. Klaus Reinhardt (hier auf dem Ärztetag in HH): Der Begriff "Kassen-Arzt" bekommt eine ganz neue Bedeutung, wenn Krankenkassen anfangen, in das Versorgungsgeschehen einzugreifen.

© Dominik Reipka

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Reinhardt, bei der Hauptversammlung des Hartmannbundes vor einem Monat haben Sie zur Offenheit mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens aufgerufen. Jetzt die scharfe Absage an die Kooperation zwischen TK und „Ada“. Ist das nicht ein Widerspruch?

Dr. Klaus Reinhardt: Ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Gerade, wenn man die Digitalisierung offen und konstruktiv begleiten und mitgestalten möchte und sich der neuen Möglichkeiten bewusst ist, muss man auch mögliche Fehlentwicklungen klar benennen – gerade auch mit Blick auf die Rolle der Ärzteschaft. Sonst werden wir auf Dauer nicht erreichen, dass Innovationen akzeptiert werden.

Und die App „Ada“ ist eine solche Fehlentwicklung?

Dr. Klaus Reinhardt: Auf keinen Fall. Da wäre ich klar fehlinterpretiert. Ich finde „Ada“ eine spannende Entwicklung. Es geht mir um den Charakter des Konstrukts mit der Techniker Krankenkasse. Denn mit Blick auf technische Innovationen, und das gilt im Besonderen für die digitale Gesundheitswelt, ist doch – jenseits der häufig unbestreitbaren Faszination des Machbaren – die Frage entscheidend, wie man mit den Errungenschaften von Künstlicher Intelligenz umgeht, wer sie nutzt und mit welchem Ziel. Hilft die Innovation wirklich allen Beteiligten? Und die Betonung liegt hier auf allen.

Ist diese Frage in jedem Fall eindeutig zu beantworten?

Dr. Klaus Reinhardt: Schwer zu sagen. Das ändert aber nichts daran, dass wir uns ihr stellen müssen. Dabei gilt es, wie im aktuellen Fall, eben auch sehr genau hinzuschauen, ob die praktische Anwendung einer Innovation dem einseitigen – möglicherweise rein ökonomisch intendierten – Interesse folgt, die Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen schlicht zu reduzieren. Oder ob sie am Ende tatsächlich Teil einer sinnvollen Steuerung von Patienten ist, um tatsächlich überflüssige Arztbesuche zu vermeiden oder Versorgung zielgerichtet zu optimieren. Derartige Fragen gilt es bei der Bewertung mit Sorgfalt zu prüfen und zu beantworten.

Sie haben in diesem Zusammenhang vor allem scharf kritisiert, dass die TK hier mit eigenen Ärzten in das Versorgungsgeschehen eingreift …

Dr. Klaus Reinhardt: Ja, das ist genau eine der Fehlentwicklungen, über die ich eingangs gesprochen habe. Es geht um die Kernfrage des künftigen Arzt-Patienten-Verhältnisses, es geht um die Unabhängigkeit dieses Verhältnisses. Wir dürfen doch nicht übersehen, dass sich unter den Voraussetzungen, die wir hier aktuell diskutieren, die Rolle der Player im Gesundheitswesen in rasanter Geschwindigkeit und kaum noch kontrollierbar verändert.

Warum?

Dr. Klaus Reinhardt: Damit erhält der Begriff Kassen-Arzt eine ganz neue Bedeutung. Das System gerät nach meiner Überzeugung in Schieflage, wenn den Kolleginnen und Kollegen in der Niederlassung oder der Klinik am Ende die Rolle des Zweitmeinungs-Lieferanten bleibt, während Kostenträger die Versorgung steuern. Ich sage es deshalb ganz deutlich: Diese Form von Einmischung einer Krankenkasse in das individuelle Arzt-Patienten-Verhältnis ist für uns eine klare Grenzüberschreitung. Die Kommunikation zwischen Krankenkasse und Versichertem hat sich im Kern auf Fragen zu beschränken, die das bilaterale Versichertenverhältnis betreffen.

Dr. Klaus Reinhardt

» Der Facharzt für Allgemeinmedizin ist seit 1993 in Bielefeld niedergelassen.

» Seit 2011 ist er Bundesvorsitzender des Hartmannbundes.

» Seit 2005 gehört Reinhardt dem Vorstand der Ärztekammer Westfalen-Lippe an.

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