Ärzte Zeitung, 26.10.2018

Studie

So viele Ärzte werden sexuell belästigt

Sexuelle Grenzüberschreitungen am Arbeitsplatz sind auch in der Medizin keine Ausnahme. Laut einer Studie der Berliner Charité hat die Mehrzahl der Ärztinnen und Ärzte entsprechende Erfahrungen gemacht.

Von Beate Schumacher

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Wichtig ist für das Thema sexuelle Grenzverletzungen zu sensibilisieren.

© [M] Ärztin: Aaron Amat / stock.adobe.com | Hintergrund: Lorelyn Medina / stock.adobe.com (Symbolbild)

Das Wichtigste in Kürze

  • In einer Online-Befragung der Charité berichten 76 Prozent der Ärztinnen und 62 Prozent der Ärzte über Erfahrungen mit sexuellen Grenzverletzungen, meistens verbaler Natur. In Abteilungen mit stark hierarchischer Struktur sind solche Vorfälle besonders häufig.
  • Die hohe Inzidenz von sexuellen Grenzverletzungen belegt die Notwendigkeit einer offenen Kommunikation sowie von geeigneten Präventionsmaßnahmen.
  • Einschränkung: Nur 42 Prozent der angeschriebenen Ärztinnen und Ärzte haben an der Befragung teilgenommen.

BERLIN. 70 Prozent der Ärztinnen und Ärzte der Charité, die sich an einer Online-Befragung der Klinik beteiligt haben, berichten von Situationen in ihrem Berufsleben, die sie als sexuelle Grenzverletzung erlebt haben. In den meisten Fällen handelte es sich um verbale Belästigungen. Sie ging mehrheitlich von Kollegen oder Vorgesetzten aus. Stark hierarchische Strukturen scheinen solchen Vorfällen Vorschub zu leisten (JAMA Intern Med 2018, online 3. Oktober).

Der anonyme Online-Fragebogen wurde von 448 Ärztinnen und 289 Ärzten beantwortet; das entsprach einer Teilnahmequote von 42 Prozent. 76 Prozent der Frauen und 62 Prozent der Männer gaben an, im Lauf ihres Berufslebens eine Form von Belästigung erfahren zu haben. Die häufigste Form solchen Fehlverhaltens waren verbale Grenzüberschreitungen wie abwertende Sprache in 62 Prozent und anzügliche Sprüche in 25 Prozent der Fälle.

Weitere häufig berichtete Grenzverletzungen waren unerwünschter Körperkontakt (17 Prozent), Geschichten mit sexuellem Inhalt (15 Prozent), Nachpfeifen und Anstarren (13 Prozent). Ebenfalls genannt wurden sexuelle Angebote/unerwünschte Einladungen (7 Prozent), Belästigung in schriftlicher oder Bildform (6 Prozent), Grapschen oder versuchtes Küssen (2 Prozent), Vorteile für sexuelle Gefälligkeiten (1,5 Prozent) sowie sexuelle Übergriffe (0,5 Prozent).

Ein Viertel empfindet Bedrohung

Körperliche Grenzverletzungen insgesamt hatten 20 Prozent der Befragten erlebt, Frauen häufiger als Männer. Die physischen Übergriffe wurden von 28 Prozent der Opfer als bedrohlich erlebt. Bei den Ärztinnen ging die Belästigung fast ausschließlich von Männern aus (85 Prozent der nichtkörperlichen und 95 Prozent der körperlichen Grenzverletzungen), bei den Ärzten überwiegend von Frauen (62 bzw. 87 Prozent).

In den meisten Fällen und bei Ärztinnen und Ärzten vergleichbar häufig waren die Täter Kollegen (71 bzw. 80 Prozent), Frauen waren aber deutlich öfter Opfer von Grenzüberschreitungen durch Vorgesetzte (37 vs. 18 Prozent). Als einziger struktureller Risikofaktor für sexuelle Belästigung erwies sich eine starke Hierarchie in der Abteilung.

Die hohe Zahl von Ärztinnen und Ärzten, die mit Belästigung am Arbeitsplatz Erfahrung gemacht haben, hat die Erstautorin der Studie, Sabine Jenner, „wenig überrascht“, wie es in einer Mitteilung der Charité heißt. Laut Jenner, die auch dezentrale Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an der Charité ist, weisen internationale Studie in dieselbe Richtung.

Umso wichtiger sei es, das Thema offen zu kommunizieren, um für sexuelle Grenzverletzungen zu sensibilisieren und ihnen vorzubeugen. Da solche Vorfälle in einer strikt hierarchischen Arbeitsumgebung offenbar häufiger auftreten, mahnen Jenner und die Mitautorinnen der Studie auch organisatorische Veränderungen an.

An der Charité gibt es schon seit 2016 zahlreiche Präventionsmaßnahmen gegen sexuelle Grenzverletzungen am Arbeitsplatz, inklusive einer Richtlinie und einem Programm zur anonymen Meldung von Verdachtsfällen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Sexuelle Belästigung: MeToo in der Medizin

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[22.11.2018, 17:21:50]
Katharina Grzegorek 
Zu diesem Beitrag erreichte uns folgender Leserbrief
Sehr geehrte Frau Schumacher,

endlich (!) wird auch die breitere medizinische Öffentlichkeit auf die Tatsachen sexueller Übergriffe in der akademisch-medizinischen Profession aufmerksam. Schon lange habe ich mich gewundert, dass trotz der seit einem Jahr bestehenden MeToo-Debatte der medizinische Bereich dort nicht vorkam.
Sind doch meine eigenen Erfahrungen - und die zahlreicher, mir bekannter Kollegen/innen- ganz anders!
Ein von mir gestarteter Versuch auf Twitter, hierauf aufmerksam zu machen, erfuhr keine Resonanz.

Möglicherweise hat dies unter anderem damit zu tun, dass gerade Ärztinnen sexuelle Übergriffe als besonders schambesetzt erleben. Gerade der hohe Status ist für sie nicht in Einklang zu bringen mit der fehlenden Wehrhaftigkeit, dem Schock, den fast jede Frau erlebt, wenn sie sexuellen Übergriffen ausgesetzt ist.

Darüber hinaus gibt es gravierende strukturelle Vorgaben, die ein Schweigen aus Sicht der Betroffenen notwendig machen.
Die Ärztin befindet sich viele Jahre in Ausbildung. Sie ist hier auf das Wohlwollen des Vorgesetzten angewiesen. In allen Fächern gibt es Vorgaben, die z.B. zur Erfüllung der Facharztkompetenz vorausgesetzt werden: z.B aus meinem Fachgebiet (Neurologie): es müssen x EEGs, x Dopplersonogramme usw. in der Ausbildung nachgewiesen werden. Die Zuteilung geht vom Vorgesetzten aus. Dies öffnet Tür und Tor für Erpressungen (sexueller Natur).

So ist es mir - allerdings jetzt vor 40 Jahren - in einem großen Mönchengladbacher Krankenhaus als angehende Ärztin für Anästhesie gegangen. Der Oberarzt ließ durchblicken, dass ich nicht auf seine Hilfe hoffen könne bei Intubationen, wenn ich mich ihm im Nachtdienst nicht gefügig zeige. Sie können sich vielleicht vorstellen, in welche innere Not ich kam (damals 26 Jahre alt!).
In der damaligen medizinischen Männerwelt (Chirurgen/ Anästhesisten) waren Anzüglichkeiten, Abwertungen und Übergriffe an der Tagesordnung und machten auch vor wehrlosen Patientinnen (narkotisiert im OP) nicht halt. „Schon wieder so eine fette, niederrheinische Milchkuh!" so die Aussage des operierenden Oberarztes.

Nach einem Jahr kündigte ich.

Nach meiner Ausbildung zur Neurologin/ Psychiaterin ließ ich mich nieder und begegnete hier noch vielen Ärztinnen, die ähnliche Erfahrungen machten und teilweise daran verzweifelten. Insbesondere schwangere Ärztinnen waren zahlreichen abwertenden Äußerungen, gerade auch der Vorgesetzten, ausgesetzt.

Ich meine, dass sich die Situation inzwischen wohl dahingehend gebessert hat, dass die schlimmsten Auswüchse in dieser Dramatik nicht mehr vorkommen,

Aber gerade die genannten strukturellen Bedingungen geben immer noch sexuellen Erpressungsversuchen viel Raum, und wenn es auch nur subtile Androhungen sind...

Es wäre wünschenswert, dass sich in der Ärztekammer eine Whistleblower-Anlaufstelle (möglicherweise unter Einbeziehung einer Mediation) bilden würde.

Ganz sicher ist es aber hilfreich, wenn die medizinische Öffentlichkeit ein Bewusstsein für dieses Problem entwickelt!




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