Ärzte Zeitung online, 09.08.2017
 

Arndt Striegler bloggt

Wie lange will man in England noch den Kopf in den Sand stecken?

Der Brexit fordert seine ersten "Opfer": die nette Arzthelferin ist plötzlich verschwunden – und ein Hausarzt hat schlimme Befürchtungen für die Zukunft.

Von Arndt Striegler

Brexit: Wie lange will man in England noch den Kopf in den Sand stecken?

Bloggt für die "Ärzte Zeitung" aus London: Arndt Striegler.

© privat

LONDON. Vorgestern in meiner Londoner Hausarztpraxis. Im Wartezimmer überwiegend ältere Patienten, junge Mütter mit Kleinkindern und junge Männer, viele davon in Arbeitskleidung. Die Mütter unterhalten sich überwiegend in Portugiesisch, viele der Männer kommen aus Ost-Europa. Das merkt man daran, wenn sie ihre Handys beantworten und in Polnisch oder Bulgarisch sprechen.

Eine typische Hausarztpraxis im Süd-Londoner Stadtteil Vauxhall, bei den Londonern ist die Gegend auch als "Little Portugal" bekannt. Während ich auf meine Konsultation warte, denke ich: wie dieses Wartezimmer wohl in 18 Monaten aussehen wird? Wer wird dann hier sitzen?

Schließlich ist die Mehrzahl der Patienten in dieser und in vielen anderen Praxen vor allem in den britischen Städten ausländisch. England war und ist nun mal Einwanderungsland. Doch wenn im März 2019 Schluss ist mit der britischen EU-Mitgliedschaft, dann weiß niemand, ob die jungen portugiesischen Mütter dann überhaupt noch Anrecht auf hausärztliche Versorgung hier in England haben werden – oder ob der junge Pole, der sich auf der Baustelle am Arm verletzt hat, noch in die Praxis kommen darf.

Noch etwas fällt mir auf an diesem Morgen. Die Sprechstundenhilfe ist neu. Später stellt sich heraus, dass Maryanna, die diesen Job zuvor verrichtete und die mich und andere Patienten gerne mit dem Vornamen ansprach, nicht mehr in der Praxis arbeitet.

Zurück nach Bulgarien

Der Brexit-Blog der "Ärzte Zeitung"

"Es wird nichts sein wie früher!"

» Seit mehr als zwei Jahrzehnten berichtet Arndt Striegler für die „Ärzte Zeitung“ aus Großbritannien. Den Umbruch durch den Brexit spürt er am eigenen Leib – etwa als Patient im Gesundheitsdienst NHS.

» Die Versuchsanordnung ist einmalig: Ein von der Globalisierung geprägtes Gesundheitswesen soll renationalisiert werden. Das durchkreuzt Lebenspläne von Ärzten und Pflegekräften aus dem Ausland.

» Im Wochenrhythmus schildert Blogger Arndt Striegler, der seit 31 Jahren auf der Insel lebt, von nun an die politischen und kulturellen Folgen des Brexit.

» Lesen Sie dazu auch: "No News is good news? Von wegen!"

"Maryanna ist zurück nach Bulgarien gegangen", berichtet ihre Kollegin. Aus meinen Gesprächen mit Maryanna seit dem Brexit-Votum der Briten im Juni 2016 weiß ich, dass die zweifache Mutter voller Sorge war, wie es nach dem Brexit mit ihr und ihrer jungen Familie in England weiter gehen würde. Jetzt ist sie weg.

Kein Einzelfall. Brexit ist längst für hunderte Arztpraxen und Kliniken in Großbritannien zur bitteren Realität geworden. Bitter deshalb, weil Ärzte, Krankenschwestern und –pfleger und anderes Gesundheitspersonal aus dem staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) scharenweise ausscheiden, um zurück in die Heimat zu gehen. Zu unsicher die Zukunft hier in England.

Das Bizarre daran ist, dass die britischen Politiker und auch die EU-feindlich gesinnten Medien nach wie vor den Kopf in den Sand zu stecken scheinen und so tun, als sei "business as usual" in den Praxen und Kliniken.

Wenn ich mit meinem Londoner Hausarzt, mit dem ich auch privat freundschaftlich verbunden bin, darüber spreche, dann lacht dieser nur und meint, es werde schon bald nicht mehr genug Personal im NHS geben, um Patienten ordentlich zu versorgen. Praxishelferin Maryanna werde nicht die Einzige bleiben, die das Weite sucht.

Vor einigen Tagen berichtete die einflussreiche und auflagenstarke britische Tageszeitung "The Times", dass es mittlerweile gang und gäbe sei, EU-Bürger bei der Job- oder Wohnungssuche hier in England zu diskriminieren. So spürte die Zeitung dutzende Stellenanzeigen auf, die ausdrücklich darauf hinweisen, dass Bewerber "einen gültigen britischen Pass" vorweisen müssen. Derartige Diskriminierung verstößt zwar gegen das Gesetz. Doch bislang scheint sich niemand groß daran zu stören.

Die Love-Story ist vorbei

Ähnlich auf dem Wohnungsmarkt. Die Organisation "The 3 Million" – ein Verband, der für die Rechte der rund drei Millionen EU-Bürger in Großbritannien kämpft – zitiert Wohnungsangebote, die " für britische Bürger" reserviert sind. Nicht eine oder zwei dieser anstößigen Anzeigen hat die Organisation erspäht – hunderte davon. Wenn EU-Bürger wie ich doch ermuntert werden, auf eine Annonce zu antworten, dann oft zu deutlich schlechteren Bedingungen als britische Bewerber.

Großbritannien in Zeiten des Brexit. Sie merken wahrscheinlich, dass meine persönliche Love Story mit diesem Land, in dem ich immerhin seit 31 Jahren zu Hause bin, vorbei ist. Und das, bevor der wirklich harte und wichtige Brexit-Poker zwischen London und Brüssel im Oktober überhaupt begonnen hat.

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