Ärzte Zeitung, 15.10.2010

Mehr Versorgungsprojekte für psychisch Kranke

Psychisch kranke Menschen im Norden werden überwiegend stationär behandelt. Experten fordern einen deutlichen Ausbau der ambulanten Versorgung.

Von Dirk Schnack

Mehr Versorgungsprojekte für psychisch Kranke

Stationär oder ambulant? Betreuungsangebote für psychisch kanke Patienten müssen individuell abgestimmt werden.

© photos.com

KIEL. Welche und wie viel medizinische Versorgung ein Patient erhält, hängt nach Ansicht von Dr. Johann Brunkhorst nicht von der Diagnose oder dem individuellen Bedarf ab, sondern vom Therapieangebot vor Ort und von den Wartezeiten. Nach Beobachtung des TK-Chefs in Schleswig-Holstein sei die Folge, dass viele Menschen mit psychischen Erkrankungen in der psychiatrischen Notaufnahme landen und stationär aufgenommen werden.

"Was wir brauchen, ist eine problem- und bedarfsgerechte Versorgung für die Patienten und ihre Angehörigen, die ständig erreichbar ist", forderte Brunkhorst auf einer Fachtagung in Kiel.

Ein Weg in diese Richtung könnte das Netzwerk psychische Gesundheit sein, in dem sich sozial- und gemeindepsychiatrische gemeinsam mit ambulanten und stationären Anbietern um den Patienten kümmern und je nach individueller Situation entscheiden, welche Hilfe notwendig ist. Ziel ist, den Betroffenen so zu unterstützen, dass er trotz Erkrankung im gewohnten Umfeld bleiben kann. Ein verantwortlicher Therapeut ist für den Patienten dabei rund um die Uhr ansprechbar. Neben einer aufsuchenden Betreuung zu Hause ist auch die Aufnahme in einem medizinisch gestützten Rückzugshaus möglich. Die TK hat mit dem Anbieter des Netzwerks vor kurzem einen Vertrag abgeschlossen (wir berichteten).

Ein anderes Modell wird seit acht Jahren im Kreis Steinburg verfolgt. Dort haben die Krankenkassen mit dem Klinikum Itzehoe ein Gesamtbudget für die psychiatrische Versorgung festgelegt. Die Entscheidung, ob ein Patient stationär, teilstationär oder ambulant betreut werden muss, trifft die Klinik. Ergebnis: Die stationäre Behandlungsdauer nahm um ein Viertel ab, tagesklinische und ambulante Betreuung wurden ausgebaut. Wie wichtig solche Ansätze auch für die Finanzen der Kostenträger sind, zeigen Zahlen zur Entwicklung der psychischen Erkrankungen: Von 12,8 Tagen, die jeder TK-versicherte Erwerbstätige im Norden im vergangenen Jahr krank geschrieben war, entfielen zwei Tage nur auf psychische Erkrankungen - 2006 waren dies noch 1,5 Tage.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Der Albtraum vom Nicht-Schlafen

Schlaflosigkeit lässt sich kaum nachweisen. Forscher zeigen: Schlaflose Nächte finden oft nur im Traum statt. Das macht sie nicht weniger belastend, ermöglicht aber neue Therapien. mehr »

Das Kassenpolster wächst und wächst

Die Kassen der Krankenkassen füllen sich weiter: Im ersten Quartal 2018 steht ein Überschuss von über 400 Millionen Euro zu Buche. Zudem fällt das Jahresergebnis für 2017 viel besser aus als gedacht. mehr »

Vergessen Sie keine Labor-Kennnummer!

Mit der Laborreform haben sich Änderungen bei den Ausnahmekennnummern ergeben. Um nicht den Wirtschaftlichkeitsbonus zu gefährden, sollten Sie die neuen Regeln kennen - und insbesondere auf drei Punkte achten. mehr »