Ärzte Zeitung online, 23.05.2017
 

Klinik-Strukturen

Ende der Diskussion noch nicht in Sicht

Ist eine Zentralisierung in der stationären Versorgung wirklich der Stein der Weisen? Ein Kongress in Berlin zeigt: Die Debatte um diesen gesundheitspolitischen Dauerbrenner ist in Deutschland noch längst nicht abgeschlossen.

Von Julia Frisch

Ende der Diskussion noch nicht in Sicht

In welcher Klinik sind Patienten am besten aufgehoben? Eine Frage, die weiter kontrovers diskutiert wird.

© Kzenon / fotolia.com

BERLIN. Nicht weitere Jahre diskutieren, sondern endlich handeln – das fordern Gesundheitsfachleute mit Blick auf die Strukturprobleme in der Krankenhauslandschaft. Die Zentralisierung etwa über die Vorgabe verbindlicher Mindestmengen müsse in Angriff genommen werden.

"Die Zeit für jahrelange Methodendiskussionen ist vorbei", sagte Jürgen Malzahn, Leiter der Abteilung Stationäre Versorgung beim AOK-Bundesverband, auf dem SIQ-Kongress 2017 in Berlin, der von der Stiftung Initiative Qualitätskliniken (SIQ) und dem Bundesverband der Ortskrankenkasse ausgerichtet wurde.

Eine Frage der Qualität

Die Zentralisierung von Leistungen sei aus Qualitätsgründen erforderlich. Längst bewiesen sei, dass zum Beispiel die Überlebensrate in zertifizierten Krebszentren besser sei als in nicht-zertifizierten Einrichtungen. "Wenn das bekannt ist, warum sollen wir dann nochmal fünf Jahre diskutieren, warum erklärt man solche Maßnahmen nicht für verbindlich?", fragte Malzahn.

Er betonte, dass die Klage, welche die Gesetzliche Krankenversicherung gegen die Zentrums-Schiedsvereinbarung erhoben habe, nicht bedeute, dass die Krankenkassen gegen die Bildung von Zentren seien. Das juristische Vorgehen sei nötig geworden, weil die Vereinbarung "erhebliche Probleme" enthalte. So seien Bestandteile zur Doppelfinanzierung aufgenommen worden. Auch berge sie die Gefahr von "Schatteninvestitionshaushalten", weil die überörtliche Aufgabenwahrnehmung nicht konkretisiert worden sei.

Die Strukturprobleme im Krankenhaussektor "werden nicht angegangen", kritisierte auch Professor Thomas Mansky von der Technischen Universität Berlin. "Wir brauchen nicht weitere Gutachten und Studien, sondern den Willen zum Handeln". Dieser sei im politischen Lager derzeit aber nicht sehr ausgeprägt, so Mansky.

Er kritisierte, dass die Mindestmengenvorgaben bisher faktisch nicht umgesetzt würden. 2013 erreichten etwa 68 Prozent der Kliniken die Mengenvorgaben bei der Ösophaguschirurgie nicht.

Gebe es in der Kliniklandschaft eine Zentralisierung, "wären Mindestmengen kein Thema mehr", sagte Mansky. Gelinge es zudem, die "extrem hohen Fallzahlen in den Kliniken" zu reduzieren, könnte dies einen höheren Basisfallwert ermöglichen.

Sympathie für Mindestmengen

Sowohl Mansky als auch Jürgen Malzahn vom AOK-Bundesverband zeigten große Sympathien für Mindestmengen. Eine solche Zentralisierung von Leistungen sorge für bessere Ergebnisse und damit für mehr Qualität in der Behandlung.

Zu "holzschnittartig" fand jedoch Professor Peter Albers, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, die Ausführungen zu den Mindestmengen. "Mehr ist gleich besser – das ist nicht immer korrekt", sagte er. Nicht nur auf die Fallzahlen, sondern auch auf die Strukturen komme es an.

Das unterstrich auch Professor Reinhard Hoffmann, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie. Erfahrungen aus den inzwischen flächendeckend existierenden Traumanetzwerken zeigten, dass das Patientenvolumen in der Regel keinen Einfluss auf die Ergebnisse habe. Maßgeblich für die Qualität der Behandlung seien die Vernetzung, Strukturen und Prozesse. Eine Zentralisierung der Versorgung sei daher – mit Ausnahme von Ballungszentren – "eigentlich nicht notwendig".

Kritik an Gröhes Reform

AOK-Chef Martin Litsch stellte bei der Veranstaltung der Klinikreform von Gesundheitsminister Hermann Gröhe mit Blick auf die Qualität ein schlechtes Zeugnis aus. "Das erklärte Ziel des qualitätsorientierten Umbaus ist nicht so richtig in Fahrt gekommen", sagte er. Vor allem behandelten noch viel zu oft Krankenhäuser mit vergleichsweise wenig Erfahrung in bestimmten Bereichen entsprechende Patienten.

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