Ärzte Zeitung, 11.07.2011

Welche Chancen hat personalisierte Medizin?

Die Therapie- und Diagnosemöglichkeiten werden sich durch die personalisierte Medizin stark verändern, darin sind sich viele Experten einig. Nicht einig sind sie sich bei der Frage, ob dadurch Kosten für das Gesundheitswesen sinken. Auch muss die Wirtschaftlichkeit der neuen Therapien überprüft werden.

Von Ilse Schlingensiepen

Welche Chancen hat personalisierte Medizin?

Labortests für die personalisierte Medizin: Welche Arzneien können einem Patienten helfen?

© NiDerLander / fotolia.com

KÖLN. Egal wie groß die Hoffnungen auf die Möglichkeiten der personalisierten Medizin sind - auch die neuen individualisierten Diagnose- und Therapiemöglichkeiten müssen vor einer breiten Anwendung ihre Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit unter Beweis stellen.

"Jede Technologie muss sich der Wirtschaftlichkeitsfrage stellen. Das gilt für die personalisierte Medizin genauso wie für jede andere Medizin", sagte der Pharmakoökonom Professor Oliver Schöffski auf dem Kongress "PerMediCon" in Köln.

Der Lehrstuhlinhaber für Gesundheitsmanagement der Universität Erlangen-Nürnberg erwartet nicht, dass durch eine breite Einführung der personalisierten Medizin die Kosten im Gesundheitswesen sinken.

"Die gezielte Behandlung des einzelnen ist eine teure Medizin", sagte er. Durch die Verkleinerung des Patientenkreises werde das einzelne Produkt teurer. Ein Einsparpotenzial sieht Schöffski im Bereich der Studien.

Durch den Einsatz der neuen Methoden sinke die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns einer Studie, sagte er.

Der Gemeinsame Bundesausschuss habe bislang zu den typischen Anwendungen der personalisierten Medizin noch keine Entscheidungen treffen müssen, sagte der Abteilungsleiter Fachberatung Medizin Dr. Mathias Perleth.

Klar sei aber, dass der Nutzen und der Zusatznutzen als zentrale Bewertungsdimensionen auch in diesem Bereich eingefordert werden müssen.

Perleth verwies auf eine entscheidende Frage: "Schlägt sich der Anspruch, den Erkrankungsbeginn mit Hilfe von Biomarkern früher zu erkennen, auch in einem Nutzen, etwa einem längeren Überleben der Patienten, nieder?"

Der Molekularbiologe Professor Theo Dingermann setzt große Hoffnungen in die personalisierte Medizin. Er sieht die molekulare Diagnostik als Schlüsseltechnologie der modernen Medizin. "Die molekulare Diagnostik wird das Gesundheitssystem aus der Misere holen."

Durch die neuen Verfahren werde es nicht nur möglich, zwischen gesunden, gefährdeten und kranken Menschen zu unterscheiden. Die Wissenschaftler könnten auch feststellen, ob ein Medikament bei einem Patienten wirksam, partiell wirksam oder unwirksam ist, und ob es verträglich, problematisch oder unverträglich ist.

"Wir können uns davon entfernen, dass jeder aufgrund von Statistiken behandelt wird", sagte Dingermann.

Der Wunsch, Patienten möglichst individuell zu behandeln, sei nicht das eigentlich Neue an der personalisierten Medizin, sagte der Pharmakogenetiker Professor Ivar Roots. Das sei immer schon das Bestreben von Ärzten gewesen.

Neu sei die Möglichkeit, recht präzise Informationen über den einzelnen Patienten zu erhalten. "Jeder trägt Eigenschaften in sich, die ihn in einer bestimmten Situation deutlich unterscheiden von anderen Patienten."

Patienten werden zukünftig einfordern können, dass ihre spezifische Situation berücksichtigt wird, prognostizierte Roots. "Darauf muss der Arzt sich einstellen und das vielleicht auch anderen Patienten anbieten." Das zeige, dass die personalisierte Medizin durchaus Kosten verursachen könne.

Bei der personalisierten Medizin gehe es nicht um Einsparungen, sondern um die sinnvolle Mittelverwendung, betonte Professor Günter Huhle, Geschäftsführer der Janssen-Cilag GmbH. "Wir werden in Zukunft nicht weniger Euro ausgeben, aber wir werden sie zielgerichteter ausgeben."

Angesichts der gesellschaftlichen Debatte über die Mittelverteilung im Gesundheitswesen müssten die Unternehmen, die in diesem Bereich aktiv sind, den Dialog mit den Betroffenen und der Politik suchen. "Es ist wichtig, dass wir validierte Parameter zur Verfügung haben, die wir in die Diskussion einbringen können", sagte Huhle.

90 Prozent der Medikamente wirkten bei 60 Prozent der Patienten kaum, sagte der Vorstandsvorsitzende des niederländischen Diagnostikunternehmens Qiagen Peer Schatz.

"Das sind 400 Milliarden Euro Umsatz, die man als Fehlerkosten bezeichnen könnte." Die personalisierte Medizin erlaube es, Informationen besser zu verwerten und die Therapie auszuwählen. "Personalisierte Medizin ist keine vage Vision mehr, sie ist absolute Realität", so Schatz.

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