Ärzte Zeitung online, 01.04.2019

DSO-Jahresbericht

Negativtrend bei Organspenden gebrochen

Deutschland diskutiert über neue Organspende-Regeln, da wartet die DSO mit guten Nachrichten auf: 20 Prozent mehr Organspender gab es im vergangenen Jahr, heißt es im Jahresbericht. Doch im internationalen Vergleich trägt die Bundesrepublik weiterhin die rote Laterne.

Von Denis Nößler

20 Prozent mehr Organe gespendet

Mehr als jedes zweite transplantierte Organ im Jahr 2018 in Deutschland war eine Niere.

© horizont21 / stock.adobe.com

FRANKFURT/MAIN. Das Transplantationswesen in Deutschland könnte die Talsohle durchschritten haben. Erstmals seit 2013 wurden im vergangenen Jahr wieder mehr als 3000 Organe postmortal gespendet (3113), wie aus dem am Montag veröffentlichten Jahresbericht der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) hervorgeht.

Gegenüber 2017 ist das ein Zuwachs von 20 Prozent – absolut 519 Organe mehr. Sie stammten von 955 Spendern, was gegenüber dem Vorjahr ebenfalls ein Plus von gut 20 Prozent bedeutet (plus 158 Post-mortem-Spender).

Nach einem Allzeithoch von 4205 Organspenden im Jahr 2010 waren die Zahlen in den Jahren danach kontinuierlich zurückgegangen (siehe nachfolgende Grafik). Als Ursache dafür machen Experten auch die ab 2012 bekanntgewordenen Verfehlungen einiger Transplantationsmediziner verantwortlich.

Die jetzigen Zuwächse seien „positive Entwicklungen, die neue Hoffnung aufkeimen lassen“, schreiben die beiden DSO-Vorstände Dr. Axel Rahmel und Thomas Biet im Vorwort des Berichts für 2018.

Man müsse nun gemeinsam daran arbeiten, „dass aus dieser ersten positiven Momentaufnahme ein langfristiger Trend wird“. Im internationalen Vergleich trägt Deutschland aber trotz des Zuwachs auf 9,7 Spender pro eine Millionen Einwohner nach wie vor die rote Laterne.

Debatte um Einführung einer Widerspruchslösung

Mit Blick auf die derzeit diskutierte Einführung einer Widerspruchslösung ist ein Blick auf die „möglichen Organspender“ interessant. Derer gab es im vergangenen Jahr 1416 (2017: 1178, plus 20 Prozent).

Als „möglich“ bezeichnet die DSO all jene Patienten, bei denen der Hirntod nach den Richtlinien der Bundesärztekammer (BÄK) festgestellt worden ist. Nur diese Personen kommen in Deutschland überhaupt für eine postmortale Organspende infrage. Bei 340 von ihnen – und somit bei 24 Prozent aller "möglichen Organspender" – lag im vergangenen Jahr keine Zustimmung für die Organentnahme vor (siehe nachfolgende Grafik).

Das wäre 2018 quasi das zusätzlich Spenderpotenzial bei einer Widerspruchslösung gewesen, wie am Montagmorgen auch der Ethiker und Theologe Professor Peter Dabrock im „Deutschlandfunk“ anmerkte.

Schriftlich liegt der Wille selten vor

Allerdings zeigt der DSO-Jahresberichts auch, dass nicht einmal jeder zweite Organspender seine Zustimmung im Vorfeld kundgetan hat. Bei nur 17,6 Prozent lag der schriftliche Wille vor, etwa per Organspendeausweise oder Patientenverfügung, 25,4 Prozent hatten ihre Zustimmung im Vorfeld mündlich gegeben. Bei allen anderen Organspendern stimmten entweder die Angehörigen zu, oder es wurde vom „vermuteten Willen“ ausgegangen.

Das Mehr an Organspenden könnte womöglich auch an einer erhöhten Aufmerksamkeit des Klinikpersonals liegen. So haben die 1248 Entnahmekrankenhäuser (Kliniken mit Intensivstation) im vergangenen Jahr 2811 „organspendebezogene Kontakte“ zur DSO gehabt. Das sind 26 Prozent mehr als noch 2017. Diese Kontakte können allgemeiner Art sein (etwa eine Beratung) aber auch ein ganz konkreter Organspendeanlasse.

Zur Erinnerung: Die DSO ist die zuständige Koordinierungsstelle für die Organspende in Deutschland. Jeder Spender muss an die DSO gemeldet werden; die Organe werden von dort über Eurotransplant an mögliche Empfänger vermittelt.

Lesen Sie dazu auch:
Bundestag: Organspende-Debatte startet mit Streit

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