Ärzte Zeitung online, 11.01.2018

Umfrage

Pflegeberatung erreicht Angehörige zu selten

Die Pflege eines Angehörigen zuhause kann krank machen. Um dem vorzubeugen, gibt es die Pflegeberatung durch die Kostenträger. Doch die scheint nicht regelhaft bei den Millionen pflegender Angehöriger anzukommen.

Von Anno Fricke

BERLIN. Die Gesundheitsberatung pflegender Angehöriger weist Defizite auf. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP). Knapp drei Viertel der Befragten, die selbst pflegen, gab dabei an, keine Beratung in Fragen der eigenen Gesundheit von einem Pflegedienst oder Pflegeberater erhalten zu haben. In Zeiten gesetzlicher Ansprüche auf Beratungen durch die Pflegekasse oder von ihr beauftragter Pflegedienste ist das Umfrageergebnis ernüchternd.

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland hat die Zahl von 3,5 Millionen erreicht. Mehr als zwei Drittel werden zuhause gepflegt, meist durch Angehörige. Die Fähigkeiten der pflegenden Angehörigen wirken sich unmittelbar auf den Gesundheitszustand der Pflegebedürftigen aus. "Aktivierend zu pflegen, kann zum Beispiel zur Schonung des Rückens der Pflegenden und gleichzeitig zur Selbstständigkeit der Pflegebedürftigen beitragen", sagte Daniela Suhlmann, Pflegeexpertin des ZQP, am Mittwoch in Berlin.

Die Umfrage des ZQP unter mehr als 1000 Menschen zwischen 50 und 69 Jahren erfolgte vor dem Hintergrund, dass die angesprochene Altersgruppe bei den pflegenden Angehörigen am stärksten vertreten ist. "Gesundheitsförderung und Prävention sind für pflegende Angehörige selbst wichtig", sagte ZQP-Chef Dr. Ralf Suhr am Mittwoch in Berlin. Pflege solle nicht krank machen. Viele Angehörige seien erschöpft und überlastet.

Tatsächlich weisen die Umfrageergebnisse auf Defizite in der Pflegeberatung hin. Die Hälfte der Pflegenden sagten, nicht von einem Pflegeberater oder Pflegedienst aufgeklärt worden zu sein, wie sie gesundheitlichen Problemen des Pflegebedürftigen vorbeugen können. Wer Empfehlungen erhalten hat, setzt sie oft nicht um. Gründe seien Zeitmangel und Unsicherheit, wie der Pflegebedürftige richtig unterstützt werden könne, heißt es in der Analyse der Ergebnisse.

Mindestens halbjährliche Beratungsbesuche im häuslichen Umfeld zählen nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums zu den gesetzlichen Ansprüchen von Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen. Ab dem Pflegegrad 2 sind vierteljährliche Beratungsbesuche im häuslichen Umfeld Pflicht. Zuständig sind die gesetzlichen Pflegekassen (Krankenkassen) und die privaten Pflegeversicherungen.

Auch die Hausärzte versuchen einen Beitrag zu leisten, die Gesundheitsprävention von Angehörigen und Pflegebedürftigen zu gewährleisten. "Pflegende Angehörige sind in aller Regel zeitlich sehr stark eingespannt, daher ist es in vielen Fällen aus nachvollziehbaren Gründen eher schwierig, dass sie zusätzlich noch Kurse oder Fortbildungen besuchen", sagte der Sprecher des Deutschen Hausärzteverbands Vincent Jörres am Mittwoch der "Ärzte Zeitung". Genau da setze das VERAH-Programm an, in dem speziell fortgebildete medizinische Fachangestellte die Patienten direkt zuhause besuchten und so in der häuslichen Umgebung unterstützen könnten. Natürlich informierten auch die Hausärzte in den Praxen über die Möglichkeiten der Pflegeberatung.

Die pflegepolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, Pia Zimmermann, nahm die Umfrageergebnisse zum Anlass für einen Appell an die nächste Bundesregierung. Pflegende Angehörige bräuchten mehr Hilfen, teilte Zimmermann mit. "Diese Menschen tragen eine ungeheure Verantwortung, mit der sie finanziell und organisatorisch meist allein gelassen werden", sagte Zimmermann. Sie belasteten zudem ihre eigene Gesundheit und würden nicht selten selbst krank und frühzeitig pflegebedürftig. Es zeige sich, dass sich der Pflegenotstand nicht auf Krankenhäuser und Pflegeheime beschränke, sondern auch die häusliche Pflege erreiche.

Prävention kommt zu kurz

- 46 Prozent der Menschen, die Angehörige pflegen, sind dazu beraten worden, wie sich gesundheitlichen Problemen Pflegebedürftiger vorbeugen lässt.

- 73 Prozent aus dieser Gruppe haben keine Beratung zur eigenen Gesundheitsprävention als Pflegende erhalten.

- 32 Prozent setzen empfohlene Präventionsmaßnahmen nur teilweise oder nicht um – auch aus Unsicherheit.

Quelle: Zentrum für Qualität in der Pflege

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