Ärzte Zeitung online, 01.04.2019

Modellprojekt in Hamburg

Krisentelefon für psychisch Kranke

Rechnerisch ist das psychiatrische Versorgungsangebot in Hamburg ausreichend. Doch der Psychiatriebericht offenbart Lücken. Das Krisentelefon soll helfen, Betroffenen in jedem Bezirk wohnort- und zeitnah zu helfen.

Von Dirk Schnack

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Im Laufe des Jahres soll in Hamburg ein Krisentelefon für psychisch Kranke eingerichtet werden.

© Uli Deck/picture alliance

HAMBURG. Mit einem Krisentelefon und einer sektorenübergreifenden Kooperation soll die Versorgung für psychisch kranke Menschen in Hamburg ausgebaut werden.

Dies kündigte die Gesundheitsbehörde bei der Veröffentlichung des Psychiatrieberichts für Hamburg an. Im Bericht wird deutlich, dass das Versorgungsangebot in der Hansestadt deutlich über dem anderer Bundesländer liegt.

„Hamburg verfügt über ein umfassendes, differenziertes psychiatrisches Versorgungsangebot, welches den Betroffenen eine Vielzahl von Möglichkeiten der Behandlung, Beratung und Unterstützung bietet“, heißt es im Bericht.

Dieser führt auch die Versorgungsgrade für die Fachgruppen auf. Für Psychotherapeuten liegt dieser derzeit bei 160 Prozent und bei Nervenärzten bei 122 Prozent. Trotz dieser vermeintlich hohen Versorgungsdichte gibt es zum Teil Wartezeiten von mehreren Monaten auf einen ambulanten Therapieplatz.

Ein Grund dafür könnte in der abnehmenden Zahl an Nervenärzten in der Stadt liegen. Laut Bericht gab es 2005 noch 240 vertragsärztlich tätige Nervenärzte in Hamburg, 13 Jahre später nur noch 163.

Die Zahl der Einwohner pro Nervenarzt hat deutlich zugenommen – von 7169 (2005) auf 10.279 (2017).

Veraltete Daten nicht fortschreiben!

Anders sieht es bei den Fachärzten für Psychosomatik und Psychotherapie aus. Hier gibt es heute mehr Vertragsärzte und damit weniger Einwohner je Facharzt. Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) will sich auf diese Daten aus der Bedarfsplanung nicht allein stützen.

Sie fordert: „Wir brauchen dringend eine neue Bedarfsplanungsrichtlinie, die nicht die Versorgungssituation der 90er Jahre fortschreibt, sondern soziale Situation und Krankheitslast der Bevölkerung berücksichtigt. Auch sollte kleinräumiger geplant werden.“

Mit dem letzten Punkt will die Behörde vermeintliche „Fehlentwicklungen in der regionalen und arztgruppenbezogenen Verteilung der Versorgungskapazitäten, die zu einer Konzentration des Versorgungsangebotes auf die attraktiven Kerngebiete der Stadt führen“, verhindern.

Dass es eine solche Konzentration gibt, zeigt ein Vergleich der Verteilung von Psychotherapeuten: In den zentrumsnahen Bezirken haben fast 500 Psychotherapeuten eine Zulassung in einem Bereich von nur vier Quadratkilometern, auf denen 40.000 Menschen leben.

In den südlichen Bezirken, wo 350.000 Menschen wohnen, haben auf einer Fläche von 315 Quadratkilometern nur 65 niedergelassene Psychotherapeuten eine Zulassung. Bei dieser Betrachtung des Psychiatrieberichts ist allerdings nicht berücksichtigt, dass viele Menschen im Zentrum arbeiten und dort auch ärztliche Unterstützung suchen.

Um Betroffenen in jedem Bezirk wohnort- und zeitnah helfen zu können, soll die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten verbessert werden.

Niedergelassene Ärzte sollen künftig mit Therapeuten, Krankenhäusern, sozialpsychiatrischen Diensten und den Behörden verbindlich kooperieren und sich verpflichten, die bestehenden Hilfen effektiv einzusetzen und niemanden wegen Art und Schwere der Störung auszuschließen.

Modellprojekt startet in Harburg

Zielgruppe sind vor allem Menschen mit komplexem Hilfebedarf, die außer einer psychischen Erkrankung auch von Wohn- und Arbeitslosigkeit, körperlichen Beeinträchtigungen, Suchtverhalten oder anderen Problemen betroffen sind. Ein Modellprojekt hierzu soll im Bezirk Harburg gestartet und später auf andere Bezirke ausgeweitet werden.

Damit psychisch kranke Menschen außerdem auch außerhalb der üblichen Arbeitszeiten in Praxen und anderen Einrichtungen Hilfe finden, wird in diesem Jahr ein Krisentelefon in Hamburg eingerichtet, das von 17 Uhr bis 8 Uhr morgens erreichbar sein soll.

„Es ist weder Telefonseelsorge noch Terminvermittlung, sondern soll von Kranken oder Angehörigen in krisenhaften Notsituationen genutzt werden. Bei Bedarf wird an Tageskliniken, Krankenhäuser, sozialpsychiatrische Dienste sowie psychiatrische Institutsambulanzen oder Einrichtungen der ambulanten Sozialpsychiatrie weitervermittelt“.

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