Ärzte Zeitung online, 27.09.2018

Online-Umfrage

Therapeuten wollen mehr Geld und mehr Autonomie

92 Prozent der Befragten einer Studie sehen für sich eine "Gratifikationskrise" im Hinblick auf ihr Gehalt.

Von Florian Staeck

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91 Prozent der Befragten halten sich für in der Lage, Therapieumfang und -inhalt selbst zu bestimmen

© Dan Race / Fotolia

IDSTEIN. Physiotherapeuten und andere Therapeuten halten sich für chronisch unterbezahlt. In einer Online-Umfrage gaben 85 Prozent der 1805 Teilnehmer an, ihre berufliche Leistung sei höher als ihre Entlohnung.

Dieses Ungleichgewicht, in der Literatur auch als "berufliche Gratifikationskrise" bezeichnet, bleibt nicht ohne Folgen, sagt Professor Sabine Hammer, Dekanin des Master-Studiengangs "Therapiewissenschaften" an der Hochschule Fresenius in Idstein. "Geht man davon aus, dass diese Krise einen Berufswechsel begünstigt, ist zumindest das Risiko eines Berufswechsels bei 85 Prozent der Befragten erhöht", sagt Hammer der "Ärzte Zeitung". Die Studie wird am 29. September im Rahmen eines Symposiums in Idstein der Öffentlichkeit vorgestellt, Kernergebnisse liegen der "Ärzte Zeitung" vorab vor.

92 Prozent der Antwortenden sehen für sich eine Gratifikationskrise im Hinblick auf ihr Gehalt, 88 Prozent nennen die (fehlenden) Entwicklungsmöglichkeiten im Beruf, 77 Prozent die mangelnde Anerkennung.

Die neuen Ergebnisse stützten die Aussagen einer Online-Umfrage unter rund 1000 Therapeuten, die die Hochschule im Herbst des Vorjahres veröffentlicht hat. Damals hatten insgesamt rund 75 Prozent der Befragten erklärt, sie würden einen Berufswechsel erwägen oder hätten ihn bereits vollzogen. Die Studie unter dem Titel "Ich bin dann mal weg" hatte für großes Aufsehen gesorgt. Die neuen Ergebnisse könnten, so Hammer, "auf eine weitere Verschärfung" der Situation hindeuten.

In der Follow-up-Studie haben Hammer und ihr Team im August auf ihre Online-Umfrage Antworten von 1805 Therapeuten erhalten: 51 Prozent von ihnen waren Physiotherapeuten, 25 Prozent Ergotherapeuten, 20 Prozent Logopäden und vier Prozent Podologen. Dabei hat die Wissenschaftlerin auch Angaben zum Gehalt erfragt und konnte dafür 1177 Antworten auswerten. Demnach liegt das Mittel des Bruttoverdienstes bei 2434 Euro im Monat.

 Therapeuten mit akademischem Abschluss berichten von einem Gehalt von durchschnittlich 2630 Euro, examinierte Therapeuten geben 2392 Euro an. Das Gehalt von Angestellten in einer ambulanten Praxis liege im Schnitt um etwa 300 Euro unter dem von Angestellten in Kliniken oder anderen stationären Einrichtungen, berichtet Hammer.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat jüngst Eckpunkte für ein "Paket" vorgestellt, das die berufliche Position der Therapeuten mittel- und langfristig verbessern soll. Angekündigt wurde dabei auch, dass die Vergütungsabschlüsse künftig dauerhaft von der Entwicklung der Grundlohnsumme entkoppelt werden sollen. Diese Regelung galt bisher nur testweise bis Ende 2019. Professor Hammer zeigt sich, was die Wirkungen für die angestellten Therapeuten angeht, zurückhaltend.

Nur jeder zweite Befragte habe angegeben, dass sich sein Gehalt seit April 2017 erhöht habe. Damals trat das Heil- und Hilfsmittelversorgungs-Stärkungs-Gesetz (HHVG) in Kraft. Doch die Hälfte der Befragten berichte auch nur von einer Gehaltsverbesserung von im Schnitt vier Prozent.

Ganz klar sprechen sich die Befragungsteilnehmer für eine größere Berufsautonomie aus. Nur 28 Prozent halten eine ärztliche Diagnostik vor dem Beginn der Therapie für unbedingt nötig, 72 Prozent verneinen das. Und 91 Prozent der Befragten halten sich für in der Lage, Therapiebeginn, -umfang und -inhalt selbst zu bestimmen. Das ist Gegenstand der Blankoverordnung, die seit Inkrafttreten des HHVG aber nicht in die Gänge gekommen ist.

Nun sollen, so das von Spahn vorgelegte Eckpunktepapier, Kassen und Therapeutenverbände bis März 2020 hierfür konkrete Indiktionen vereinbaren. "Die Blankoverordnung kann zumindest Bürokratie reduzieren und Entscheidungsspielräume erweitern", sagt Hammer. Aber es müsse abgewartet werden, für welche Indikationen sie gelten und "inwieweit der Umfang therapeutischer Leistungen gedeckelt werden soll".

Deshalb sehen Therapeuten-Verbände das Instrument der Blankoverordnung auch kritisch. Solange der schulische – also nicht-akademische – Bildungsweg erhalten wird, würden die Chancen auf mehr Berufsautonomie begrenzt bleiben, gibt Hammer zu bedenken. "Eine Stärkung der Ausbildung wird den Assistenzcharakter der Berufe manifestieren und den Direktzugang (der Patienten zum Therapeuten, die Red.) blockieren", zeigt sich Hammer überzeugt.

10. Symposium Therapiewissenschaften am 29. September an der Hochschule Fresenius in Idstein, Infos unter:

www.common.de/symposium/

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