Ärzte Zeitung, 17.12.2018

DDG

Smartphones – das Rückgrat der digitalen Diabetesversorgung

Die Realtime-Blutzuckermessung und die Kalorien-Analyse per Foto-App sind nach Ansicht der Deutschen Diabetes Gesellschaft zwei Säulen der digitalen Diabetestherapie der Zukunft, wie sie im Gesundheitsbericht 2019 proklamiert.

Von Matthias Wallenfels

242a3201_8217497-A.jpg

Wie hoch ist der Blutzucker gerade? App-Lösungen können diese Frage beantworten.

© Halfpoint / Getty Images / iStock

BERLIN. Die Segnungen eines digitalisierten Gesundheitswesens sind derzeit in aller Munde. Fernab der gesundheitspolitischen Dauerdiskussion über Defizite und Potenziale der digitalen Ausgestaltung des deutschen Gesundheitswesens hat sich die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) dem konkreten Nutzenversprechen der digitalen Diabetesversorgung angenommen.

Ergebnis: Die Realtime-Blutzuckermessung und die Kalorien-Analyse per Foto-App sind laut DDG zwei Säulen der digitalen Diabetestherapie der Zukunft, wie sie in ihrem Gesundheitsbericht 2019 proklamiert.

Bis zu 500.000 gesetzlich Krankenversicherte in Deutschland erhalten jedes Jahr die Diagnose Diabetes Typ II, wie die DDG in Erinnerung ruft. „Die Digitalisierung wird nicht nur Behandlung und Früherkennung des Diabetes revolutionieren“, prognostiziert DDG-Präsident Professor Dirk Müller-Wieland, „sondern auch das Verhältnis zwischen Arzt und Patient stark verändern.“

Dabei spreche sich die DDG grundsätzlich gegen separate digitale Akten aus, die geschlossene Systeme darstellen würden, wie sie einige Kostenträger und Anbieter propagieren. „Wir denken in offenen Plattformen“, betont der DDG-Präsident. „Vergleichbar mit der Welt der Smartphones, die trotz unterschiedlicher Modelle und Anbieter alle problemlos miteinander kommunizieren können.“

Apps schließen Informationslücke

Tatsächlich dürfte dem Smartphone künftig eine Schlüsselrolle in der Diabetestherapie zufallen, wie der Gesundheitsbericht darlegt. „Patienten vergessen gerne, ihr Tagebuch mit Angaben zu den Blutglukosewerten und therapeutischen Aktivitäten zum Arzt mitzubringen“, verdeutlicht Professor Lutz Heinemann, Vorsitzender der AG Diabetes und Technologie der DDG.

Apps fürs Smartphone, die alle Daten sammeln, könnten diese Informationslücke schließen – die Entwicklung auf diesem Gebiet schreite zügig voran. Ihr Smartphone hätten Patienten beim Arztbesuch in aller Regel dabei.

„Auch deshalb sollten in Zukunft alle Daten, die bei der Diabetestherapie anfallen, automatisch im Handy geeignet aggregiert werden. Prinzipiell sollten technologische Lösungen für die Diabetestherapie so designt und implementiert werden, dass diese in den Hintergrund rücken und unauffällig die Behandlung der Patienten unterstützen“, so die mahnenden Worte im Gesundheitsbericht.

Hoffnung liegt auf smarten Pens

Die Aufrüstung bei der Applikationstechnologie von Insulin biete weitere neue Optionen. So könnten smarte Insulin-Pens Angaben zur verabreichten Insulindosis und dem Peak-Zeitpunkt automatisch in eine Cloud übermitteln und damit auswertbar machen.

Heute seien bereits Sensoren verfügbar, die unter die Haut implantiert werden, Glukosewerte kontinuierlich über 180 Tage hinweg messen und an ein Diabetesteam übermitteln. „Diese Sensoren ermöglichen eine Messung rund um die Uhr“, betont Müller-Wieland einen wesentlichen Vorteil dieser Lösungen zur Realtime-Blutzuckermessung. Besteht Handlungsbedarf, könnte das Smartphone den Patienten „in Time“ Empfehlungen zustellen, ergänzt er.

Sofern alle Daten in einen Pool flössen, trage der Digitalisierungsprozess entscheidend dazu bei, neue Erkenntnisse hinsichtlich Therapie und Forschung zu gewinnen. „Die Analyse von Datenmustern wird dazu führen, Individuen mit gewissen Risiken frühzeitig und präzise zu erkennen und zugleich auch zu identifizieren, welche Patienten ganz besonders von einer bestimmten Therapie oder Lebensstiländerung profitieren“, gibt sich DDG-Geschäftsführerin Barbara Bitzer optimistisch. Dies verbessere die Behandlungsqualität der Patienten, was wiederum Folgeerkrankungen und Komplikationen – und damit Kosten – minimiere.

Eine zweite Säule der digitalen Diabetestherapie der Zukunft stellen laut Gesundheitsbericht von Patienten generierte Daten dar. „So verwenden Patienten Apps, um die bei der Therapie anfallenden Daten zu dokumentieren und Unterstützung z.B. bei der Bolus-Berechnung bei einer Mahlzeit zu bekommen".

Dies seien "Ideen, die vor Kurzem noch als visionär galten und durch Smartphones realistisch werden: So macht die automatisierte Abschätzung des Kohlenhydratanteils einer Mahlzeit basierend auf Fotos rasche Fortschritte in Hinsicht auf Alltagstauglichkeit“, heißt es im Bericht.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Freunde hinterlassen Spuren im Gehirn – Rauchen auch

Sport, Alkohol, soziale Kontakte – die Lebensführung spiegelt sich im Gehirn wieder, so eine Studie. Und: Raucherhirne laufen auf Hochtouren. Doch das ist nicht positiv gemeint... mehr »

Schwerionen überwinden Tumor-Resistenz

Eine Bestrahlung mit Schwerionen bei Glioblastom kann offenbar auch sehr resistente Krebszellen abtöten. Damit könnte die Schwerionen-Bestrahlung die bessere Alternative zu Photonen sein. mehr »

Die Delegations-Hochburgen in Deutschland

Hausbesuch von NäPA oder VERAH? Geriatrisches Basisassessment durch MFA? Die Neigung von Ärzten, Arbeit zu delegieren, variiert zwischen den Regionen stark. Wie groß die Unterschiede sind, zeigt unsere Karte des Monats. mehr »