Ärzte Zeitung, 07.12.2011

DrEd will über Erstattung verhandeln

Der Start des deutschen Angebots von DrEd hat für erhebliche Aufregung gesorgt. Dabei hätten die Briten noch mehr Provokations-Potenzial: Doch sie sind sorgsam bemüht, es nicht auszuspielen.

Von Christoph Winnat

DrEd will sich im deutschen Markt verankern

Der britische Internet-Doktor DrEd.

© nös

LONDON/HAMBURG. Mit dem Start ihres deutschsprachigen Angebots vor einer Woche hat die virtuelle Arztpraxis DrEd für erhebliche Aufregung im hiesigen Gesundheitsmarkt gesorgt. Dabei sind die Briten sorgsam darum bemüht, das volle Provokations-Potenzial ihres Konzepts nicht auszuspielen.

"Wir könnten als dispensing Doctors arbeiten. Machen es aber nicht, damit man uns in Deutschland nicht Geschäftemacherei vorwirft", erklärt Jens Apermann, Pressesprecher der Betreiberfirma Health Bridge Ltd.

Auch eine exklusive Kooperation mit einer Versandapotheke stehe nicht auf der Tagesordnung. Zwar kooperiert DrEd mit dem Hamburger Versender apo-rot.

Das schließe den Rezeptversand an öffentliche Apotheken, wenn Kunden dies wünschen, aber nicht aus. Öffentlichkeitswirksame Discount-Offerten habe man sich ebenfalls verkniffen, um niemandem auf die Füße zu treten.

1000 Deutsche haben sich bereits behandeln lassen

Seit vorigen Montag ist die virtuelle Arztpraxis dred.com online. Die englischsprachige Site (dred.com/uk) läuft bereits seit August. Inzwischen hätten sich bereits rund 1000 deutsche Interessenten behandeln lassen, heißt es.

Apermann: "Unsere Ärzte arbeiten durch". "Behandeln" heißt, nach einer Konsultation mittels einer online-basierten Patientenakte wurde ein Rezept ausgestellt.

Etwa 70 Prozent der Rezepte beträfen das Anwendungsgebiet "Männergesundheit", also sämtliche Spielarten erektiler Dysfunktion. Und gerade darin sieht Apermann ein starkes Argument für die virtuelle Arztpraxis.

Schätzungsweise 50 Prozent aller Männer, die unter Potenzproblemen leiden, suchten die Anonymität und würden deswegen auch nicht zum Arzt gehen.

Diese Klientel habe stattdessen eine große Affinität zu dubiosen Pillen-Offerten im Internet. Telemedizin wie DrEd trage insofern zu mehr Arzneimittelsicherheit bei. Apermann weiß, wovon er spricht.

Der ehemalige Marketingleiter der niederländischen Versandapotheke DocMorris hatte 2003 die ebenfalls in den Niederlanden beheimatete "Apotheke für den Mann" aus der Taufe gehoben, die sich schon dem Namen nach auf Gesundheitsprobleme bei Männern fokussierte.

DrEd unterhält einen wissenschaftlichen Beirat

Weitere Schwerpunkte der Online-Sprechstunde bei DrEd sind Empfängnisverhütung, Reisemedizin, sexuell übertragbare Infektionen sowie allgemeinmedizinische Fragen.

Die Anwürfe von offizieller Seite gegen DrEd - die Bundesärztekammer moniert "Erschließung neuer Absatzmärkte für die Industrie", die KBV warnt, das Portal könne "einen Arztbesuch nicht ersetzen" - will Apermann nicht unwidersprochen lassen. "Unsere Kritiker haben keine Ahnung, wie wir arbeiten".

So etwa hätten die Standesvertreter gar nicht zur Kenntnis genommen, dass DrEd einen wissenschaftlichen Beirat unterhalte, der für regelmäßige Audits auf leitliniengerechte Verordnung sorge.

Mit im Boot sind der Urologe Professor Udo Engelmann (Uniklinik Köln), Professor Fritz Jänicke (Uniklinik Hamburg-Eppendorf) und der emeritierte Essener Klinikdirektor Professor Thomas Philipp.

Behandlungen im Ausland sind erstattungsfähig

"Wir werden uns krakenartig im Markt verankern", lässt Apermann keinen Zweifel daran, dass DrEd ein zukunftsträchtiges Projekt ist. Als nächstes werde man mit den gesetzlichen Krankenkassen über die Kostenerstattung sprechen.

Momentan muss die Rezeptierung auch solcher Präparate, die der GKV-Leistungskatalog nicht ausschließt, noch privat liquidiert werden. Für ein Kontrazeptiva-Rezept werden 9 Euro fällig, für eine reisemedizinische Verordnung 19 Euro und für ein Potenzmittel oder ein Rx-Präparat gegen Haarausfall 29 Euro.

Behandlungen im Ausland sind jedoch prinzipiell erstattungsfähig. Man habe dazu bereits einige Kassen angeschrieben, und wolle das Thema jetzt vertiefen.

Im Kontakt mit den Kassen könnten sich weitere Perspektiven für die britische Online-Praxis ergeben. Vorbild von DrEd sei der schweizer Telemedizin-Anbieter Medgate, sagt Apermann.

Medgate existiert seit 12 Jahren und betätigt sich unter anderem als Gatekeeper für ManagedCare-Modelle. Für einige Krankenversicherungen fungiert Medgate als Primärarzt und schafft es, wie Apermann neidvoll anerkennt, "die Hälfte aller Patientenanfragen abschließend telemedizinisch zu bearbeiten".

Mehr als 200.000 Patienten bei DrThom

Gegründet wurde DrEd als gewissermaßen Spin-off des marktführenden Konkurrenten DrThom. Seit 2002 ist der von einem Arzt aufgebaute Anbieter von "online doctor services" in UK aktiv.

Nach eigenem Bekunden haben schon mehr als 200.000 Patienten diese virtuelle Praxis konsultiert. Alleiniger Gesellschafter von DrThom beziehungsweise des Betreibers, der Expert Health Ltd., ist mittlerweile der Stuttgarter Pharmahandelskonzern Celesio, der auf der Insel auch die Apothekenkette Lloydspharmacy betreibt. Lloydspharmacy ist exklusiver Arzneimittel-Lieferant von DrThom.

Nachdem Celesio Vorbereitungen für eine Expansion seines Online-Doctors in andere europäische Märkte gestoppt hatte, nahmen die vier mit dem Projekt befassten Leute - zwei Briten und zwei deutsche Allgemeinärzte - die Dinge in die eigene Hand.

Finanziert wird DrEd von den vier Gründern und von einem deutschen Privatanleger, der nicht genannt werden will.

Rechtsgrundlage für den deutschsprachigen Auftritt ist die im April dieses Jahres in Kraft getretene EU-Richtlinie "Patientenrechte in der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung". Demnach haben Patienten das Recht, medizinische Dienstleistungen innerhalb der Europäischen Union frei zu wählen.

[08.12.2011, 10:41:16]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Steht DrEd etwa nur für Dr. für erektile Dysfunktion (ED)?
Das Anwendungsgebiet "Männergesundheit", beinhaltet n i c h t nur "sämtliche Spielarten erektiler Dysfunktion", wie DrEd behaupten möchte. "Gerade darin sieht Apermann ein starkes Argument für die virtuelle Arztpraxis", muss man mit ebenso starken Fragezeichen versehen.

Doch bei Verordnung von Phosphodiesterase-5-Hemmern (PDE-5-Inhibitoren) sollten man seine Patienten kennen. Eine KHK, problematische Co-Medikationen und ein Notfall-Nitrospry zu Hause im Schrank entziehen sich leider der Beobachtung, Diagnostik, Untersuchung und Differentialdiagnose in der "virtuellen Arztpraxis".

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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