Ärzte Zeitung online, 12.06.2017
 

Erlebnis Landarztpraxis

Ohne Zwang läuft mehr

Nils Hansen ist Wiederholungstäter: Bereits zum zweiten Mal absolviert er ein Blockpraktikum in einer Hausarztpraxis auf dem Land – und zwar in derselben Praxis. Das liegt vor allem auch am Engagement des Praxis-Mitinhabers Olaf Petzoldt.

Von Dirk Schnack

Ohne Zwang läuft mehr

Erfahrener und angehender Allgemeinmediziner: Der 25-jährige Nils Hansen hat zum zweiten Mal ein Blockpraktikum in der Landarztpraxis bei Olaf Petzoldt absolviert.

© Dirk Schnack

KARBY. Mit dem kürzlich verabschiedeten Masterplan Medizinstudium 2020 will die Politik u.a. erreichen, dass sich mehr Medizinstudenten für die Tätigkeit von Allgemeinmedizinern auf dem Land interessieren. Die Möglichkeit, Blockpraktika in Landarztpraxen zu absolvieren, gibt es schon länger. Nils Hansen (25) nutzt diese Chance bereits zum zweiten Mal – erneut bei Olaf Petzoldt in Karby.

Unweit der kleinen Stadt Kappeln an der Schlei liegt das über 100 Jahre alte Praxisgebäude. Die bekannte Fernsehserie "Der Landarzt" spielte ganz in der Nähe und im Praxisgebäude, in dem Petzoldt gemeinsam mit einem Kollegen in Gemeinschaftspraxis arbeitet, wurden auch schon Szenen für die Serie gedreht. Was viele Großstädter nur aus dem Fernsehen kennen, praktiziert Petzoldt seit 13 Jahren: Er ist Facharzt für Allgemeinmedizin auf dem Land. "Vielleicht sollte jeder Arzt ein halbes Jahr in der Grundversorgung gearbeitet haben – egal, was sie werden wollen. In dieser Zeit lernt man kennen, worum es geht", sagt Petzoldt. Im Vergleich zum aufwendigen Maßnahmenkatalog des Masterplans Medizinstudiums klingt sein Vorschlag übersichtlich.

Nah am Patienten

Bei Petzoldt haben sich schon mehrfach Medizinstudenten für die Landarzttätigkeit interessiert. Mit dem 25-jährigen Hansen war gerade ein in Berlin aufgewachsener angehender Allgemeinmediziner bei ihm, der sich schon seit Studienbeginn für das Fach interessiert. Nach dem ersten Praktikum im fünften Semester ist Hansen jetzt zum zweiten Mal für eine Woche bei Petzoldt gewesen. Beide sind zufrieden: Petzoldt, weil er die Fortschritte bei seinem angehenden Kollegen beobachtet und Hansen, weil er – natürlich nur unter Aufsicht – mehr am Patienten arbeiten durfte als beim ersten Mal.

Der 54-jährige Petzoldt gewährt Hansen und anderen Studierenden gerne diesen Einblick in sein Fach, das er persönlich als "Königsdisziplin" empfindet. Petzoldt begründet dies mit den breiten Anforderungen, die die Allgemeinmedizin an die Ärzte stellt und mit der langjährigen und engen Patientenbindung. Er selbst hat in seiner Studienzeit in Kiel ein Praktikum in einer allgemeinärztlichen Praxis machen dürfen – die von der Politik als Ziel formulierte Praxisnähe gab und gibt es also zumindest in Ansätzen. "Besser wäre es aber, wenn die Studenten im fortgeschrittenen Stadium in die Praxen kommen. Das fünfte Semester ist zu früh. Besser wären 14 Tage im zehnten Semester", sagt Petzoldt. Nach seiner Wahrnehmung bringt es den Studierenden später mehr, weil sie sich mit dem Arzt im Hintergrund mehr trauen und sie damit auch mehr lernen.

Hansen dagegen ist froh, dass er den ersten Einblick schon im fünften Semester erhalten hat. Das erste Praktikum vor zweieinhalb Jahren bescherte ihm erstmals hautnahe Einblicke in die Tätigkeit der Allgemeinmediziner auf dem Land. Und die unterscheidet sich laut Petzoldt von der seiner städtischen Kollegen: "Die Verantwortung ist größer, die Wege sind weiter und für die Familie ist das eine größere Herausforderung. Aber es macht auch mehr Spaß." Hansen hat besonders das breite Spektrum an der Tätigkeit auf dem Land beeindruckt. "Man bekommt ganz viele Erkrankungen zu sehen. Das Patientenalter reicht vom Kind bis zum alten Menschen und es werden Haus- und Heimbesuche gemacht", nennt er als Pluspunkte.

Viele Vorurteile unter Studenten

Hansen stößt mit seiner Begeisterung für die Allgemeinmedizin nicht bei allen Kommilitonen auf Verständnis. "Viele glauben, das sei langweilig und man habe nur mit Schnupfen zu tun. Dabei habe ich in der Allgemeinmedizin eine Menge außergewöhnliche Erkrankungen kennengelernt", berichtet er. Petzoldt bedauert zwar, dass viele Kollegen und Studierende Vorurteile gegen sein Fach haben, vermisst diese aber nicht in seinem Fach. "Wer sein Leben durch solche Vorurteile beeinflussen lässt, ist auch nicht für die Arbeit als Allgemeinmediziner geeignet." Zur Landarztquote, die der Masterplan ermöglicht, haben beide eine ablehnende Meinung. Dass sich junge Menschen so früh festlegen und verpflichten sollen, halten sie grundsätzlich für falsch. Ob der Masterplan nun erfolgreich wird oder nicht, wollen Petzoldt und Hansen nicht prognostizieren. Fest steht für sie aber, dass das politische Ziel, die Allgemeinmedizin stärken zu wollen, richtig ist.

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