Ärzte Zeitung online, 23.08.2017

Angehende Ärzte

Kritik an Multiple Choice-Wissensabfrage

Multiple Choice-Fragen sind das am häufigsten eingesetzte Prüfungsinstrument im Medizinstudium, aber trotz seiner Objektivität umstritten. Medizinstudenten stehen ihnen skeptsich gegenüber.

Von Helmut Laschet

Studenten fordern für die Praxis relevante Prüfungen

© Ärzte Zeitung

BERLIN. Die zunehmende Ausrichtung des Medizinstudiums zu einer kompetenzbasierten und praxisorientierten Ausbildung erfordert die Anpassung der Prüfungsformate. Am wenigsten geeignet erscheinen dabei die gegenwärtig am häufigsten benutzten Instrumente wie Multiple Choice-Fragen, deutlich stärker müssten standardisierte praktische Prüfungen sowie mündliche Prüfungen eingesetzt werden. Das ist die Kernforderung eines gestern in Berlin veröffentlichten Positionspapiers des Ausschusses "Medizinstudierende im Hartmannbund".

Umfrage unter 2300 Studenten

Umfrage-Ergebnisse

» Multiple Choice: das durchgängig eingesetzte Prüfformat gilt als objektiv, aber für nachhaltigen Lernerfolg irrelevant.

» Mündliche Prüfungen: Bessere Objektivität durch mehrere Prüfer und Mehrfachbewertungen möglich.

» Die Zahl der Prüfungen ist für die Studenten meist kein Problem.

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Das Positionspapier basiert auf einer Umfrage zu Prüfungen und Prüfungsformaten im Medizinstudium, an der im Februar/März 2017 insgesamt 2291 Medizinstudenten aller Medizinfakultäten teilgenommen hatten. Die wesentlichen Ergebnisse:

» Das am häufigsten eingesetzte Prüfungsformat (97,5 Prozent der Befragten sagten "sehr oft" oder "oft") sind Multiple Choice-Fragen. Schriftliche Prüfungen mit freien Antworten werden nur zu 6,6 Prozent oft eingesetzt, 31 Prozent der Studenten antworten mit "nie".

Häufiger verbreitet sind standardisierte praktische Prüfungen: 37,5 Prozent bezeichnen sie als oft oder sehr oft. Mündliche Prüfungen werden nach Angaben von 44,3 Prozent oft oder sehr oft genutzt.

» Auf die Frage "Welche Prüfungsformate bringen langfristig die besten und nachhaltigsten Lernerfolge" antworten lediglich 12,7 Prozent, dass dies auf Multiple Choice-Verfahren zutreffe.

Alle anderen Prüfungsinstrumente schnitten teils deutlich besser ab: 35,2 Prozent für schriftliche Prüfungen mit freien Antworten, 58,1 Prozent für standardisierte praktische Prüfungen und sogar 67,8 Prozent für mündliche Prüfungen.

» Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Frage danach, welche Prüfungsformate den tatsächlichen medizinischen Wissensstand am besten abbilden: Das trifft nur zu 14,1 Prozent für Multiple Choice-Fragen zu, 40,6 Prozent sind es bei schriftlichen Prüfungen, 46,6 Prozent bei praktischen Übungen und 65,7 Prozent für mündliche Prüfungen.

Einziger Vorteil von Multiple Choice: Das Verfahren wird von 86 Prozent der Studenten als objektiv eingeschätzt.

Die Zahl an Prüfungen stellt für die Medizinstudenten kein grundlegendes Problem dar, vielmehr müsse der Fokus auf die Entwicklung neuer und effektiver Prüfungsformate gelegt werden. Notwendig sei eine Standardisierung der Formate durch einheitliche Qualitätskriterien, transparente Strukturierung und fest definierte Lernzielkataloge.

Curricula entschlacken!

Bei mündlichen Prüfungen könne fehlende Objektivität durch Mehrfachbewertung mit mehreren Prüfern und Kumulation von Prüfungsergebnissen erhöht werden. Bei praktischen Prüfungen könne Qualität durch Vereinheitlichung des Ablaufs, der Zielsetzung und der Anforderungen realisiert werden.

Dem langfristigen Lernerfolg und der Abfrage einer breiten Wissensbasis sollte mehr Bedeutung als der Abfrage nach Detailwissen zukommen. Dazu müssten die universitären Curricula entschlackt werden.

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