Ärzte Zeitung online, 23.11.2017
 

Ausbildung interprofessionell

Auf der MIA-Station zusammen lernen

An der Uniklinik Mannheim gibt es ein deutschlandweit einmaliges Programm: Medizinstudenten, Pflegeschüler und Physiotherapie-Azubis lernen auf einer internistischen Station, interprofessionell zu arbeiten.

Von Anne Zegelman

Auf der MIA-Station zusammen lernen

Gutes Team bei der Visite auf der Mannheimer MIA-Station (von links): Pflegeschülerin Giulia Samira Del Popolo, Medizinstudentin Silke Horn und Stationsarzt Tobias Weiss.

© Anne Zegelman

MANNHEIM. Patientenakte befüllen, Gespräch, wichtige Therapie-Entscheidungen – "wow", sagt Medizinstudentin Sophia Endreß, als sie nach einem Stationsrundgang mit ihren Teamkollegen aus Pflege und Physiotherapie zurück ins Arztzimmer kommt. "Da merkt man erst mal, was man als Ärztin in der Klinik alles so zu tun hat!"

Endreß ist eine von sechs Medizinstudenten, die die Woche auf der MIA-Station der Mannheimer Uniklinik verbringen und dabei einen ersten Eindruck von der Arbeit als Klinikarzt bekommen. MIA, das steht für Mannheimer Interprofessionelle Ausbildungsstation.

Zwölf der 26 Betten auf dieser internistischen Station sind MIA-Betten. Das bedeutet: Patienten, die hier eingeliefert werden, werden automatisch von einem Team aus Medizinstudierenden, Pflege- und Physiotherapie-Auszubildenden mitbetreut – natürlich unter Aufsicht eines Facharztes, einer Praxisanleiterin und eines ausgebildeten Physiotherapeuten.

Die Sicherheit im Hintergrund

Auf der MIA-Station zusammen lernen

Prof. Matthias Ebert,  Uniklinikum Mannheim, hat das MIA-Projekt etabliert.

© Anne Zegelman

"Das Team ist für alles zuständig, von der Aufnahme über die Anmeldung bis hin zur Untersuchung", erklärt Professor Matthias Ebert, Direktor der II. Medizinischen Klinik am Uniklinikum. Wichtig ist ihm, dass die Studenten und Auszubildenden lernen, konkret am Patienten zu arbeiten – mit der Sicherheit im Hintergrund, dass ein erfahrener Supervisor alles noch einmal überprüft. Das Thema Interprofessionalität spielt dabei eine zentrale Rolle. "Viele Informationen werden erst in der Interaktion mit anderen Berufsgruppen sichtbar, deshalb bereichert die Zusammenarbeit auch unser ärztliches Handeln", sagt Ebert. "Wenn wir den jungen Medizinern jetzt beibringen, dass Ärzte Interprofessionalität auch einfordern müssen, nehmen sie das mit, egal wohin sie später gehen. Das ist die Idee dahinter."

Das Lehrkonzept ist in Deutschland bisher einmalig, heißt es vonseiten der Uniklinik Mannheim. Die MIA sei die erste interprofessionelle internistische Station, in der Auszubildende dreier Berufsgruppen gemeinsam lernen und arbeiten. Die Praxiserfahrung dort gehört für alle Auszubildenden, Schüler und Studenten eines Jahrgangs fest dazu – für Medizinstudenten ist MIA Teil des fünften Studienjahrs.

Das Projekt läuft seit September 2017 und wird von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert. Die Rückmeldung der Patienten sei durchweg positiv. "Viele fühlen sich sehr gut aufgehoben", berichtet Ebert. Kein Wunder, denn die Teams arbeiten in zwei Schichten an ihren Patienten und decken so eine Zeit von 7 Uhr morgens bis 18 Uhr abends ab. Damit bietet das MIA-Programm eine sehr viel zeitintensivere Betreuung, als unter normalen Umständen möglich wäre.

Studenten und Patienten profitieren

Und auch die Studenten zeigen sich begeistert von der Praxiserfahrung mit Netz und doppeltem Boden. Weil es so gut ankommt, überlegen die Verantwortlichen nun, es auf zwei Wochen auszudehnen. Dann könnten auch noch zwei weitere Betten mit aufgenommen werden.

"Selbst arbeiten – das ist das Konzept auf der MIA-Station", sagt Stationsarzt Tobias Weiss, der das Projekt gemeinsam mit Oberärztin Dr. Christine Baur betreut. Gemeinsame Visite aller eingebundenen Professionen, zweimal am Tag große Übergabe und Besprechung im Stationszimmer: langweilig wird den Studenten in ihrer Praxiswoche nicht.

Am Ende bleibt eine wichtige Erkenntnis: "Medizin ist kein Einzelkämpferjob!", sagt Student Alexander Fiereck. "Es ist essenziell, dass man miteinander spricht."

Wissenswertes für junge Ärzte

» Print: Alle zwei Wochen mittwochs erscheint in der "Ärzte Zeitung" eine Sonderseite speziell für junge Ärzte – das nächste Mal am 29. November.

» Online: Unser Webangebot für junge Ärzte in Studium und Weiterbildung findet sich auf www.aerztezeitung.de/junge-aerzte

» Blog: Medizinstudenten und junge Ärzte bloggen auf der Webseite der "Ärzte Zeitung" über ihre Erfahrungen im Studium, ihre erste Niederlassung, den Kontakt zum Patienten und viele weitere Themen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Frauen schuld an "Männergrippe"?

Jammernde Männer mit Erkältung sind keine Weicheier, sie leiden tatsächlich stärker. Das liegt wohl am Testosteron. Und an Frauen, die testosterontriefende Männer bevorzugen. mehr »

Stammzellgesetz – Bremse für Forscher?

2002 gab es um die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen eine hochemotionale Debatte. Heute ist der Pionier von ehedem mit dem Stand seiner Arbeit zufrieden. Doch nicht nur er fürchtet durch das Stammzellgesetz Nachteile für Forscher in Deutschland. mehr »

Ebola-Überlebende auch 40 Jahre später noch immun

Eine Forscherin machte sich auf die Suche nach den Überlebenden des ersten Ebola-Ausbruchs – und verspricht sich davon wichtige Erkenntnisse. mehr »
Serie: Wegweiser Weiterbildung